Einliefern, ausliefern

Blur – Ambulance

“Du denkst zu viel nach. Du zerdenkst immer alles. Du kannst die Dinge einfach nie einfach mal gut sein lassen. Du machst dir doch damit nur selbst das Leben schwer.” Der Papa schob sein Bier zur Seite und streckte die Hand über den Tisch zu ihr aus. “Schau, ich will doch nur, dass es dir gut geht. Die Mama und ich, wir wollten doch immer nur dein Bestes. Wir sagen dir das alles doch nicht, um dich zu kritisieren. Wir wollen dir doch nur helfen.” Er streckte die Hand noch ein bisschen weiter aus. Seine Nase sah etwas angeschwollen aus, ganz anders als sonst, denn sonst war seine Nase eigentlich ganz zierlich. Seine Augen waren ein bisschen gerötet von dem vielen Rauch in dem Landgasthaus im hintersten Winkel der Steiermark. Na gut, hinterster Winkel ist wohl immer eine Frage der Perspektive, aber zumindest aus ihrer Perspektive stimmte hinterster Winkel wohl.

“Ich reflektiere eben. Seit wann ist das ein Verbrechen? Seit wann ist das schlecht, dass man über sich selbst nachdenkt? Mir persönlich ist das wichtig. Dann ist mein Leben eben schwer, aber wenigstens bin ich nicht so ein stumpfer Trottel, wie die da draußen”, sie würgte den letzten Bissen Semmelknödel hinunter und zeigte durch das Hinterzimmer des Landgasthauses im hintersten Winkel der Steiermark in Richtung Theke. Da standen sie. Diese Wutbürger, von denen man zuletzt immer wieder mal was auf Facebook zu lesen bekam. Da standen sie mit ihren hochroten besoffenen Schädeln und gaben den anderen die Schuld: Den Studenten, den Politikern, der Lügenpresse und den Ausländern. “Ich hab eben gelernt, dass ich erstmal mich selbst hinterfragen muss. Wenn mich das zum Heulen bringt, so what?! Ich kann damit leben, euch scheint das ja total zu stören. Lasst mich halt heulen. Und wenn ich hier heule, wen juckts? Kennt mich doch eh keiner. Und dabei wärs sogar schöner, würde mich jemand kennen. Ich will ja nur zu gern, dass die alle wissen, wie ich heulen kann.” Sie schob den leeren Teller von sich und blieb weiterhin auf Distanz zur weiterhin ausgestreckten Papahand.

“Es sagt doch niemand, dass du nicht weinen darfst. Es sagt doch auch niemand, dass du nicht über dich nachdenken sollst. Aber du zerfleischst dich doch selbst. Immer sagst du, du kannst nicht glücklich sein. Vielleicht hat das halt auch damit zu tun, wie du immer alles zerdenken musst.” Der Papa wagte sich ganz schön aus der Deckung. Er musste eigentlich wissen, wie viel Explosionspotenzial in seinen Worten lag und welche Eskalation er riskierte. Es musste das Bier sein, dass ihn hier gerade so enthemmte. Sie lehnte sich schmunzelnd zurück auf dem wackeligen alten Landgasthaussessel, der von einigen schlimmen Zigarettenbrandwunden gezeichnet war. “Ich lass dir das jetzt durchgehen, weil ich heute wirklich in guter Stimmung bin”, sagte sie und fing an, die weiß-grün gemusterte Tischdecke mit den Fingern nachzuzeichnen. Der Papa zog die Hand zurück. “Gut, wie du meinst.” Der Papa schob die Hand wieder ein Stück nach vorne. “Ich frag mich, wie lange die Mama noch am Friedhof braucht. Vielleicht geh ich mal nachschauen, wo sie bleibt.” Der Papa zog die Hand wieder zurück.

Ein bisschen schien die Stimmung doch gekippt zu sein, auch wenn das jetzt keiner so direkt aufgreifen wollte. Der Papa war jedenfalls nervös. Und sie war ein bisschen unrund innerlich, aber das Lächeln blieb. Das vorgeschobene Lächeln, das sie sich angewöhnt hatte, um unangenehme Situationen zumindest scheinbar zu entschärfen, das blieb vorerst noch auf ihrem Gesicht kleben. “Ich glaub, die findet selber zurück”, sagte sie und bereute es im selben Moment schon wieder. Da kam sie durch die schlechte Stimmung, der zynische Unterton, der angestaute Ärger. “Geh komm, bestellen wir halt noch ein Bier inzwischen”, sie presste die Mundwinkel noch ein bisschen stärker nach oben und schaute den Papa versöhnlich an. Und dem reichte das auch. Dem reichte wirklich schnell was. Das musste sie zugeben, er war nicht nachtragend und er war bestimmt nicht darauf aus, sich mit ihr zu zerkrachen. Er nickte dem Kellner zu und deutete auf die zwei Gläser am Tisch.

Sieben Jahre war es nun her, dass die Oma gestorben war. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, als damals der Anruf gekommen war von der Mama: “Du, es ist vorbei. Wir müssen in die Steiermark fahren.” Mehr hatte sie nicht gesagt, dann hatte es ein langes telefonisches Heulen gegeben, ein ganz tiefes aus dem Innersten, von der Mama, von ihr. Abwechselnd und dann wieder gleichzeitig. Am Ende war ihr der Rotz bis in die Mundwinkel geronnen und sie hatte ihn einfach hinuntergeschluckt. Die Mama hatte gesagt: “Sie haben sie, so schnell es ging, eingeliefert. Aber es war keine Rettung mehr.” Dann war die Verbindung abgebrochen. Erst drei Tage später hatten sie wieder miteinander telefoniert.

“Mir ist ein bisschen schlecht, ich muss mal kurz aufs Klo.” Sie stand auf und ließ den Papa allein am Landgasthaustisch zurück. Schlecht war ihr wirklich, aber sie ging nicht wirklich aufs Klo. Sie ging hinaus in den Garten und versteckte sich hinter der Hausmauer. Dann zog sie ein kleines Täschchen aus der Jackentasche und nahm zwei Tabletten heraus, die sie mit einem kräftigen Spuckewürgen hinunterschluckte. Im Spuckewürgen war sie Profi, das hatte sie jahrelang geübt. Keine konnte so gut und so große Mengen an Tabletten ohne Flüssigkeitszugabe hinunterschlucken wie sie. Jedenfalls war ihr das nicht bekannt, dass das auch nur irgendjemand so super konnte. Skills, Skills, Skills. Du brauchst verdammte Skills, damit du durchkommst. Sie klopfte sich nervös mit den Handflächen gegen die Oberschenkel und dachte an das vergangene Wochenende. Es war wirklich eine schöne Unterbrechung gewesen. Wir unterbrechen diese Sendung für eine kurze Mitteilung: Sie haben ein Leben. Sie treffen einander leider nur viel zu selten. Sagen Sie öfter mal “Hallo” zu Ihrem Leben. Sie würgte noch ein paar Tabletten mit Spucke hinunter und ging wieder zurück ins Lokal.

“Papa, ich muss dir was sagen.” Sie setzte sich hin und nahm einen Schluck vom frischen Bier. “Ich hab was ziemlich Arges gemacht.” Der Papa schaute etwas hilflos und schwieg. Sie schaute hilflos zurück und wartete darauf, dass er nachfragte. Er fragte aber nicht nach. Sie schauten sich gegenseitig eine Weile hilflos an. Vielleicht war es auch nur ein kurzer Moment, der sich anfühlte wie eine Weile, aber jedenfalls hilflos in jeder Hinsicht. “Diese Typen da draußen gehen mir echt auf die Nerven. Allein beim Vorbeigehen hörst du hier so viel Nazischeiße wie man eigentlich in einem ganzen Leben nicht verkraften kann.” Offensichtlich musste sie sich mit einer Themenverfehlung jetzt doch noch etwas Zeit herausholen, bis sie ihr Geständnis ablegen konnte. “Was hat das jetzt mit dir zu tun?” Der Papa fand zurück zu seinem bierinduzierten Wagemut. “Eh nichts.” Sie klammerte sich an ihrem Glas fest und wusste selbst nicht so genau, wieso sie nicht einfach mit der Sprache herausrückte. So schlimm war das alles jetzt auch nicht. Oder doch? Sie fühlte sich irgendwie ausgeliefert. Bloßgestellt. Von sich selbst, obwohl sie noch gar nichts gesagt hatte. Vielleicht war sie doch zu voreilig gewesen, das Thema so offen anzugehen. Vielleicht war es gar nicht notwendig, dem Papa davon zu erzählen – direkt betroffen war er immerhin nicht. Die Mama auch nicht.

“Willst du mir jetzt was sagen oder nicht? Mir kommt vor, du denkst schon wieder zu viel nach.” Ja, er hatte auch irgendwie recht. Natürlich ging es in ihrem Kopf rund. Wann nicht.

“Ein Sturschädl bist. Dir ghört eine eini ghaut!” Von der Theke her drangen die liebevollen Klangwolken einer verzweifelten Ehefrau, die gerade versuchte, ihren Mann davon zu überzeugen, dass er sich mit seinem Auto nicht immer ins Halteverbot stellen sollte. Auch wenn er davon überzeugt war, dass ihm der Platz zustand, an dem er nun zum vierten Mal innerhalb eines Monats einen Strafzettel kassiert hatte. “Die sind ja eh witzig”, sagte sie und kam irgendwie einfach nicht mehr zu ihrem Thema zurück. “Langsam frag ich mich auch, wo die Mama bleibt.” Sie fand sich selbst so lächerlich. Was ging denn da bitte ab? Hatte sie jetzt Schiss, dem Papa die Wahrheit zu sagen? Das hatte es eigentlich noch nie gegeben. Sie nahm noch einen Schluck Bier. Das Bier war gut hier. Da gab es nichts.

“Mich macht das wahnsinnig. Ich will dir was sagen und ich schaffs einfach nicht.” Sie trat die Flucht nach vorne an. “Sags einfach.” Der Papa versuchte auch ein bisschen zu lächeln, allerdings kam seine Anspannung deutlich bei den Augen raus. “Ok. Also. Ich hab was Arges gemacht. Ich hab auf alles geschissen.” “Ich komm noch nicht ganz mit”, der Papa schien auf einmal wieder ganz entspannt zu sein. Das war jetzt auch irgendwie komisch. “Ich hab eigentlich das gemacht, was ihr mir immer nahelegt. Ich hab einfach nicht nachgedacht. Und dann ist es passiert.” “Was ist denn passiert?”

Sie zog wieder kleine Fingerlinien auf der Tischdecke. “Ich hab jemanden aufgegeben.” Sie hielt den Blick gesenkt auf den Tisch und sprach sehr leise. “Ich hab alle Notizen gelöscht, alle Fotos. Ich hab alle angefangenen Briefe weggeworfen, was ich sagen will: Auch die E-Mails. Alle Songs hab ich aus meinen Playlists entfernt. Ich hab die Geschenke weggeworfen! Alle. Ich hab mich vor den Spiegel gestellt und selbst angeschrien. Ich hab meine guten Vorsätze begraben, die mir ja eigentlich und schlussendlich überhaupt nichts gebracht haben. Ich wollte mich nicht mehr länger damit auseinandersetzen. Ich wollte es auf einmal nicht mehr wissen, ich wollte einfach keine Chancen mehr geben, keine Möglichkeiten mehr einbilden. Es war mir auf einmal egal. Ich hab mir gedacht: Jetzt ist der Moment. Es hat schon viel zu lange gedauert. Wenn du es jetzt nicht tust, tust du es nie. Ich hab die zwei alten Jacken zerschnitten und in den Müll getan. Die Mama hat mir ja einmal gesagt: Schneid dir doch einfach die Haare, wenns dir zu viel wird. Dann hab ich mir die Haare schneiden lassen und es hat halt auch nur kurz geholfen. Diesmal dachte ich mir: Was soll noch kommen? Worauf soll ich noch warten. Und dann hab ich das einfach gemacht.”

Der Papa streckte die Hand aus und legte sie auf ihre Tischdeckenmuster-kreisenden Finger. Er schwieg und sie schwieg. Am Nebentisch schossen zwei Pubertierende Dauerselfies von sich und sangen einen scheußlichen Dorfdisco-Song nach, irgendwas mit Bologna und Amore. Die Theken-Wutbürger erzählten sich schlechte Witze über Blondinen und in der Eingangstür des Hinterzimmers stand die Mama. Es war ein schöner Moment.

No, I ain’t got nothing to be scared of

Abkratzen

Joy Division – New Dawn Fades

Den letzten Rest Glitter aus dem Gesicht wischen, die Katzenhaare von der Jacke zupfen, den Geschmack vom Bier von letzter Nacht noch auf der Zunge. Sie zwängte sich in den vollen U-Bahnwaggon und presste ihren heißen Kopf gegen die kalte, dreckige Glasscheibe. Nichts aus dem Fenster strecken. Nicht zu weit hinauslehnen, kein Risiko, nur riskant. Sie ließ den Blick über die Köpfe der Fremden schweifen und war zufrieden. All diese Köpfe, die Gesichter hatten, die lächelten, während sie auf ihre Smartphones starrten und hastig Nachrichten an all die anderen Fremden schickten. All die anderen, die jetzt nicht hier waren. So wie sie eigentlich gar nicht hier war, sondern in dieser alten Wohnung, bei diesem alten Freund mit den alten Fotos an der Wand. Wie gestern, nur länger her und weiter weg. Wie gestern, nur viel vertrauter und weniger aufregend.

“Darf ich dich mal irgendwann auf eine Cola einladen?”, hatte er gefragt. “Wie kommst du denn auf Cola? Ich mag doch gar keine Cola.” “Ja, aber ich mag Cola. Sehr gern. Und dich.” Dann hatte er ihr sie geküsst. Sehr ungeschickt und nur ganz kurz. Sie war ein bisschen erschrocken und musste sich an seinem Bücherregal festhalten – irgendwo zwischen Thomas Bernhard und Friedrich Nietzsche. Dort hatte sie dann auch ihre Ellbogen in die ordentlich sortierten Reihen gestoßen und sich aber gleich wieder dafür entschuldigt. Er hatte sehr süß ausgesehen in seinem Nirvana-Shirt, das viel zu groß war. Und sein ängstlicher Blick. Und seine zerzausten Haare.

Es war das insgesamt dritte Mal gewesen, dass sie ihn zuhause besucht hatte – mit dem insgesamt dritten Vorwand. Man brauchte ja immer einen Vorwand, man konnte Menschen ja nie einfach mögen, zumindest durfte man das nicht sagen. Das war gegen die Spielregeln und gefährlich war es auch – für einen selbst hauptsächlich. Sie hatte das eigentlich immer blöd gefunden und gar nicht verstanden, was das sollte, aber sie hatte verstanden, dass es sein musste. Beim ersten Mal hatte er den Vorwand gebracht: “Ich muss für meine Mutter ein Geschenk verpacken. Ich kann das nicht so, glaubst du, du hast da mal ne Minute mir zu helfen?” Na und ob sie ne Minute hatte. Sie fand den Vorwand ziemlich blöd, aber bitte, wer wird denn hier wählerisch sein. Beim zweiten Mal hatte er den Vorwand gebracht: “Ich muss meiner Schwester eine Gedichtinterpretation schreiben, weil ich eine Wette gegen sie verloren habe. Ich kann das nicht so, glaubst du, du hast da mal ne Stunde mir zu helfen?” Na und ob sie ne Stunde hatte. Sie fand den Vorwand da schon recht durchschaubar, aber bitte, das war doch so süß!

Danach hatten sie sich ein paar Wochen gar nicht mehr gesehen. Die Treffen bei ihm zuhause hatten irgendwie nie so richtige Fortschritte gebracht. Nur einmal, ganz kurz, hatten sich ihre Hände berührt, aber sie konnte bis heute nicht einschätzen, ob das Zufall oder Absicht von ihm gewesen war. Ja, also einige Wochen hatten sie gar keinen Kontakt mehr gehabt. Dann auf einmal, eine SMS von ihm: “Mein Hund hat meine Hausaufgaben gefressen. Du musst dringend vorbeikommen.” Es war der schönste Satz, den sie jemals von ihm gelesen hatte. Denn sie wusste, dass er diesmal wollte, dass sie wusste, dass es ein Vorwand war. Ein ironischer Vorwand quasi, also gar kein Vorwand, also yay! Ja und dann war das passiert, das mit dem Kuss.

Er hatte nie einen Hund gehabt, er war der totale Katzenmensch gewesen. Allerdings hatte er auch nie Katzen gehabt, weil es seine Eltern nicht erlaubten, weil die Oma Allergie hatte und oft bei ihnen zu Besuch war. Sie drückte den Kopf noch ein bisschen fester gegen das U-Bahnfenster und fing ein bisschen zu weinen an. Sie vermisste ihn. Sie vermisste diesen Arsch, der ihr das Herz gebrochen hatte, wie kein anderer Arsch ihr je das Herz hätte brechen können. Zwei Tage nach dem Kuss und einen Tag nach der Cola-Einladung – sie war damals auf Soda Zitrone ausgewichen – war es ganz hässlich geworden. “Ich muss dir etwas sagen”, das waren seine Worte, während sein schmächtiger Körper noch immer im selben Nirvana-Shirt steckte. “Ja was ist denn? Ist es was schlimmes?” “Nö. Nix schlimmes.” In der Sekunde wusste sie, dass es das schlimmste war.

“Ich muss hier raus, entschuldigen Sie, entschul…” Beinahe hätte sie ihre Station verpasst. Sie quetschte sich an den fremden Menschen vorbei und stolperte auf den Bahnsteig. Ihr war auf einmal irrsinnig schlecht. Kreislauf? Kater? Lebensmittelvergiftung? Oder alles? Sie lehnte sich an die Wand am Bahnsteig und sank langsam in die Knie. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und rieb sich die Wimperntuschereste aus den und wieder in die Augen. Der Schmerz von damals war jetzt. Er war so nah wie gestern, nur viel tiefer und ernster und so viel schöner. Der schönste Schmerz von allen war der schlimmste. Der schönste Schmerz von allen war der erste, der ewige und der immer gleiche.

Ich bin dankbar, dachte sie und stützte sich mit den Armen am Boden ab. Ich bin so dankbar, dass es weh tut. Ich bin so dankbar, dass ich nicht tot bin. Er ist tot und ich bin hier. Er ist irgendwo tot und ich bin irgendwo lebendig. Für einen kleinen und sehr kurzen Moment war damals alles perfekt gewesen. Sie presste sich eine Faust in den Magen und zitterte. Sie vermisste diesen Arsch. Immer wenn in ihrem Leben einmal etwas besonders gut oder besonders schlecht war, immer dann vermisste sie diesen Arsch.

Dieser Typ im Nirvana-Shirt, dieser Herzensbrecher, dieser süße Egotrottel, dieser ungeschickte Küsser mit seinen bescheuerten Vorwänden, mit seinen schlechten Witzen und seinem verschobenen Selbstbild. Er war nicht mehr und nicht weniger gewesen als ihre eigene Erfindung, ihre Projektionsfläche, ihr sehnlichster Wunsch und ihre größte Abneigung. “Verrecke!”, hatte sie ihm damals gesagt. Dann hatte sie gegen sein Schienbein getreten und gleichzeitig ein paar Fotos von seiner tollen Bilderwand gerissen. “Von mir aus kannst du abkratzen.” Danach war sie aus dem Zimmer hinaus und die Treppen hinunter auf die Straße gelaufen. Sie hatte ihre Tasche ins Gras geworfen und sich selbst heulend hinterher. Sie hatte zum ersten Mal gefühlt, was kein Mensch je fühlen will. Es war die Verzweiflung eines neuen Lebens. Von da an würde nie wieder etwas so sein wie vorher. Nie wieder. Nie wieder. Und dann immer wieder.

Sie richtete sich an der kalten U-Bahnstation-Wand auf, griff in ihre Jackentasche und holte ihr Telefon heraus. Dann scrollte sie durch ihre Kontaktliste und suchte unter “D”. “Hey, ich hab deine Hausaufgaben fertig”, tippte sie. Kurz darauf hielt sie inne und schob die Nachricht in den Ordner “Drafts”. In Klammer stand die Zahl 67.

We’ll share a drink and step outside, an angry voice and one who cried

Löcher

Destroyer – Certain Things You Ought to Know

“Darfs für die Herrschaften noch was sein? Eine Melange vielleicht oder eins von unsern feinen Kucherln?” Der Kellner stand mit verzerrtem Lächeln am Tisch und machte keine Anstalten, so schnell wieder davon zu ziehen. “Für die Dame einen Espresso oder einen Irish Coffee? Die Sachertorte hamma ganz frisch heute.” Sie schüttelte den Kopf. “Oder ein Pfirsichlikör zur Verdauung?” Der Kellner verzerrte sein Lächeln noch ein bisschen mehr, noch ein bisschen breiter, noch ein bisschen unglaubwürdiger. Sie schüttelte wieder den Kopf, schaute hilflos in die Runde. Keiner ihrer Freunde reagierte. Der Kellner blieb am Tisch stehen und lächelte. Nach ein paar Sekunden beugte er sich langsam nach vorne und schob ein paar Gläser am Tisch hin und her. Mitnehmen wollte er sie offenbar nicht. “Wenns wollen, könnens auch vorne an der Vitrine was aussuchen. Vom Tagesangebot.” Sie schüttelte den Kopf, diesmal wild. Wie wild geworden schüttelte sie den Kopf. Ihre Freunde blieben weiterhin regungslos, niemand schien überhaupt von diesem Kellner Notiz zu nehmen.

“In die Goschn möcht ichs haun”, summte sie leise vor sich hin und senkte den Blick auf den vollgeräumten Tisch. Sie fixierte einen Brotkrümel mit beiliegendem Kürbiskern und nahm sich fest vor, nicht eher wieder nach oben zu sehen, bevor dieser aufdringliche Kellner den Rückzug antrat. Eine Hand sauste zwischen den Gläsern und Tassen und Tellern auf dem Tisch hin und her und schien nach etwas zu suchen. “Lass mir meinen Krümel, bitte nimm mir jetzt nicht den Krümel weg. Bitte, bitte, bitte”, flüsterte sie in ihren dicken schwarzen Wollschal hinein, den sie trotz gut geheiztem Raumklima seit Stunden nicht abgenommen hatte. “Wenns lieber noch was Deftiges möchten. Haben wir auch. Küche ist bis 24 Uhr.” Nein, nein, nein. Sei doch still, verschwinde, hau ab, hau einfach ab und lass uns in Ruhe. Die Hand suchte weiterhin auf der Tischplatte nach irgendetwas. Noch war der Brotkrümel in Sicherheit, noch konnte sie darauf starren, noch war nicht alles verloren. Noch war Zeit. Warum wollte niemand etwas unternehmen? Warum wollte niemand diesen Kellner fortjagen? Warum, warum, warum? Warum blieb alles immer an ihr hängen? Sie vergrub ihre Finger im Wollschal und begann halbe und ganze Kürbiskerne herauszuziehen. Ihr Blick blieb weiterhin fest an dem Krümel haften, der da wie durch ein Wunder das suchende Handgewische nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit überlebte. Er blieb einfach liegen. In all dem Chaos, er ließ sich nicht vertreiben. Er blieb einfach liegen.

Sie fühlte sich müde. Sie wollte die Augen schließen und ihn vergessen. Ihn. Den Kellner, den Krümel, den Kumpel, den Kerl. Er hatte ihr Hirn zerfressen, er hatte sich so tief hineingefressen, bis alles nur noch löchrig war, so löchrig wie ein Stück Käse. Käsekuchen. Ein Stück Käsekuchen. “Einmal Käsekuchen”, sagte sie und blickte vom Tisch auf, direkt in die Augen des Kellners. Sein Lächeln entkrampfte sich. Er nickte, drehte sich um und verschwand.

Sie schaute fragend in die Runde. Niemand schaute zurück. Sie saß allein am Tisch. Die braune Holzplatte war blank geputzt und glänzte im dumpfen Licht einer alten Stehlampe. In der Mitte stand ein Sektglas aus Kristall, darin steckte eine welke, rote Tulpe. Daneben: Salz und Pfeffer, eine kleine Speisekarte aus Pappkarton, eingeschweißt in Plastik.

“Wo sind denn alle hin?” Ein braungelockter Frauenkopf senkte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Wange. “Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, wo alle sind. Ich weiß nicht, was war. Ich weiß nicht, wer da war. Ich weiß nicht. Ich habe noch Kuchen bestellt”, sagte sie und versuchte, den Lockenangriff auf ihr Gesicht abzuwehren. “Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal.” “Was für einen Kuchen hast du denn bestellt?” Die Frau zeigte richtiggehend Interesse. “Käsekuchen.”

Sie schnaubte durch die Nasenlöcher. Irgendwie war das anstrengend, dieses Gespräch, es dauerte schon zu lange. “Käsekuchen, weil wegen den Löchern halt. Im Hirn, im Käse, im Kuchen, in der Nase. Es ist ja alles löchrig. Man weiß nicht, wie man die Löchern noch stopfen soll – im Budget. In den Socken. In der Erinnerung!” Sie sprang von ihrem Stuhl hoch und baute sich vor ihrer lockenkopfigen Gesprächspartnerin auf. “Ich weiß es doch auch nicht!”, schrie sie, fegte die in Plastik geschweißte Speisekarte vom Tisch und rannte in Richtung Ausgang.

Auf dem Weg nach draußen begegnete sie dem Kellner, er trug einen kleinen weißen Teller – darauf ein Stück Käsekuchen. Sie stoppte kurz, packte mit der ganzen Hand zu, riss ein Stück aus dem Stück, stopfte es sich eilig in den Mund und stürmte zur Tür hinaus in das vorabendliche Schwarz eines zu Ende gehenden Dezembertages.

“Was liest du denn da? Ist dir nicht kalt?” Die Stimme kam ihr bekannt vor. Sie wollte aber nicht von ihrer Lektüre aufschauen, also behielt sie den letzten Buchstaben in der Zeile im Blick und murmelte hastig: “Siehst du doch.”

Umso länger sie ihren Blick auf den letzten Buchstaben in der Zeile fixierte, desto weiter kam ihr der Abstand zum vorhergehenden vor. Mit jeder Sekunde wurde das Loch größer, es wuchs und wuchs sich aus zu einem Krater. Der Krater trennte den letzten Buchstaben in der Zeile von allen anderen Buchstaben, die zuvor noch ganz in seiner Nähe angesiedelt waren – rundherum, daneben, unten, oben. Der Platz wurde immer größer, dieser Platz, in dem das Nichts um sich griff und schon bald den ganzen Absatz zu sprengen drohte, zu zerreißen in einen tiefen Graben, der sich weiter fort fressen wollte in andere Gräben, ein dickes schwarzes Loch, das alle Buchstaben in sich aufsog.

“Ist das das neue Buch von Ingeborg Bachmann? Ist es gut?” Die Stimme neben ihr wollte es unbedingt wissen. “Jetzt pass mal auf du Vollidiot. Die Bachmann ist schon lange tot. Du siehst doch ganz genau, was ich hier lese!” “Ist dir nicht kalt?”, fragte die Stimme noch einmal, und zwar genau so, als hätte sie noch nie danach gefragt. “Die Bachmann ist schon lange tot. Das ist mein letztes Wort.” Sie stand von der Bank an der Bushaltestelle auf, lies ihr Buch zu Boden gleiten, bis es auf dem dunklen Boden verschwand und sich einfügte in das vorabendliche kalte Schwarz des Asphalts. “Ich muss zurück in das Kaffeehaus. Ich habe meine Jacke dort vergessen und ich habe meinen Kuchen nicht bezahlt”, flüsterte sie in ihren dicken Schal hinein und entfernte sich langsam von der Stimme, die immer wieder und immer wieder fragte: “Ist dir nicht kalt? Was liest du denn da? Was liest du denn da? Was liest du?” Die Worte wurden leiser, die Sätze lückenhafter. Bachmann. Tot. Kalt. Das neue. Kalt. Buch. Ist. Tot.

“Ah, das Fräulein!” Geh mir aus dem Weg Arschloch, dachte sie und sagte: “Ja entschuldigen Sie vielmals, ich habe vergessen zu bezahlen. Und meine Jacke habe ich auch liegenlassen. Wie viel macht es denn?” “Das Übliche, Madame, das Übliche.” Sie eilte in den hinteren Teil des Lokals zu dem Tisch, den sie zuvor so überstürzt verlassen hatte. Ihre braun gelockte Bekannte saß immer noch dort und blätterte gelangweilt in einem Magazin über Architektur der 1920er-Jahre. Wien. Es ging wohl um Wien darin. Wie es immer und überall um Wien ging, wenn man in Wien war.

“Es beginnt ein bisschen zu schneien”, sagte sie in Richtung ihrer Bekannten, während sie nach ihrer Jacke griff, die über der Stuhllehne hing. “Wisch dir den Mund ab, da sind ja überall Krümel dran”, entgegnete diese völlig unbeeindruckt ob der jahreszeitlichen Wetternachrichten. Sie wischte sich den Mund ab. Die eingetrockneten Kuchenreste zerbröselten zwischen ihren Fingern. “Was liest du denn da?”, fragte sie ihre Bekannte und schaute neugierig auf das Architekturmagazin. “Siehst du doch.” Ein Käsekuchenkrümel fiel auf das glänzende Papier und bohrte ein gelbliches Loch in das ungestörte Schwarz und Weiß der aufgeschlagenen Seite. Sie beugte sich noch ein bisschen mehr nach vorne, schüttelte ihre Finger, bis ein kleiner Bröselschneesturm über das Wien der 20er-Jahre hereinbrach. Dann räusperte sie sich, legte Geld auf den Tisch und ging an die Bar.

“Ein Bier, bitte. Und mein Buch.” “Kommt sofort”, sagte der Kellner und schob ihr einen Aschenbecher samt angezündeter Zigarette hin. “Für die Wartezeit.” Sie nahm die Zigarette, klemmte sie sich zwischen die Finger und zeichnete kleine Kreise aus Rauch in die Luft.

“Was liest du denn da?” Die Stimme kam ihr bekannt vor. “Das ist das neue Buch von Ingeborg Bachmann”, antwortete sie. Dann nahm sie einen Schluck Bier und lachte.

Bridges made of sand are the ones in your hand

Decke und Kissen

Low – Down

Es regnete nun schon eine ganze Woche. Jeden Morgen der gleiche Blick aus dem Tröpfchen-befallenen Fenster. Dieser irre Tröpfchenbefall, er legte sich wie eine zähe, feuchte Masse über die ganze Welt, diese ganze Welt da draußen, die sie doch nur über den immer gleichen Blick aus dem Fenster hinüber auf die bräunlich graue Hauswand erahnen konnte. Ich denke, das Geheimnis ist jetzt raus, dachte sie und wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Sie hatte dieses Bett seit einer ganzen Woche nicht mehr verlassen – Toilettengang und gelegentliches Pizza-in-den-Ofen schieben ausgenommen. Zuletzt hatte sie aber überhaupt aufgehört zu essen und auch die Toilettengänge entwickelten sich zahlenmäßig rückläufig.

Sie fasste sich an die verspannten Schultern. Ouch. Eine ganze Woche im Bett, das war für das körperliche Wohlbefinden auch nicht gerade das beste. Sie klappte den Laptop auf und verkroch sich damit unter die mittlerweile leicht säuerlich duftende Decke. E-Mails checken, Termine absagen, Freunde anlügen, Mama beruhigen, dass eh alles voll fein war. Die vormittägliche Routine, der sie nun schon seit der gesamten Regenwoche nachging. Sie fand diesen Shit ein wenig anstrengend, aber was gemacht werden musste, musste eben gemacht werden. Noch ein schneller Chat mit dem Arbeitskollegen, behaupten, dass die Bronchien noch immer Probleme bereiteten und dann endlich Freizeit.

Eine unheimliche Erleichterung machte sich in ihr breit, sobald die täglichen Pflichten erfüllt und ein weiterer Tag im Bett per digitalem Schriftverkehr erkauft war. Erkauft? Ja sicher, erkauft. Lügen lag ihr nicht so, sie musste sich tatsächlich schwer dazu überwinden. Sie hatte zuvor sogar gegooglet: “Wie lügen, ohne, dass es jemand merkt”, “Lies, an introduction”, “Lügen für Anfänger” und “Lies, lies, lies”. Sehr viel genützt hatten ihr die Suchergebnisse nicht, aber naja, einen Versuch war es wert. Gegen die Bauchschmerzen beim Lügen nahm sie jetzt immer ein bisschen was von den Anti-Depressiva-Restbeständen. Die waren zwar schon lange, lange abgelaufen, aber was sollte schon schief gehen.

“Wenn du was brauchst, melde dich!” Jaja, diese Freundin, sie war immer unheimlich besorgt. Das war natürlich sehr lieb und einmal, aber nicht in dieser Regenwoche, sondern einmal vor ein paar Jahren schon, da hatte sie sich tatsächlich Zitronen, eine Packung Zigaretten und zwei Liter Cola Light von ihr bringen lassen. Das hatte sie damals gebraucht. Oh Fuck, so eine Cola mit ein bisschen Zitrone drin, das wäre jetzt geil. Sie drehte sich unruhig hin und her und schabte ihren schmerzenden Rücken an der muffeligen Matratze. Der nächste Supermarkt war direkt unten, nebenan. Man konnte da durchaus im Pyjama hin, aber machte sie nicht. Ne, ne, ne, das machte sie nicht. Sie konnte ja nicht mal im Pyjama ins Erdgeschoss, um den Postkasten zu leeren. Was, wenn sie jemandem begegnen würde? Was, wenn jemand sie ansprechen und im allerschlimmsten Fall sogar etwas fragen würde? Was, wenn jemand merkte, dass sie gar nicht krank war? Ok, ok. Sie sah schon ziemlich fertig aus nach dieser Woche, daran sollte es nicht scheitern. Aber nein, nein. Sie würde jedenfalls nicht in diesen Supermarkt gehen. Und Duschen war ohnehin keine Option. Das dauerte zu lange und sie war eigentlich auch wirklich zu müde dafür.

Sie hätte auch gerne geraucht jetzt, wäre sie nicht so müde gewesen. Zigaretten waren noch da. Sie lagen im Vorzimmer neben ihren Schuhen, neben ihrem schwarzen Kleid und dem weißen Ledergürtel – genau so, wie sie alles zu Beginn der Regenwoche dort fallen hatte lassen, nachdem sie durchnässt zuhause angekommen war. Was für ein schrecklicher Abend das war, was für ein furchtbarer Weg von der U-Bahn-Station bis hinauf in den fünften Stock zu ihrer Wohnungstür. Die Blicke der Menschen auf der Straße, die Verachtung von allen Seiten, das Gebrüll und Gegröhle, der einsetzende Regen, der Sturm, die Blicke der Menschen auf der Straße. Diese Blicke.

In der Eile hatte sie ihren Schal verloren, er war ihr einfach so runtergerutscht, sie hatte nicht gewagt, stehenzubleiben. Sie war einfach immer weiter und immer weiter gegangen. Nicht gelaufen, aber doch recht schnell gegangen. Ob sie es noch ändern hätte können? Ob sie noch etwas tun hätte können, bevor sie sich auf den Weg nach Hause gemacht hatte? Ob sich jetzt überhaupt noch jemand daran erinnerte? Sie fasste sich an die Stirn. Schweißperlen krochen unter ihrem Haaransatz hervor. Sie wischte sie ab. Sie drückte den Kopf ganz tief in das eine Kissen und bedeckte ihn mit dem anderen.

Es war schon 13.44 Uhr, als sie mit Kopfschmerzen wieder aufwachte und halb benommen “Guten Morgen” in ihr Smartphone tippte. Die Nachricht ging an Mimmi. Mimmi war eine entfernte Bekannte aus Stockholm, die sie nicht mal besonders gut leiden konnte. Aber seit sie im Bett lebte, war Mimmi ihr doch die liebste Ansprechperson. Mimmi stellte kaum Fragen und Mimmi erlebte immer wahnsinnig lustige Dinge, weil sie sehr ungeschickt war und auch ein bisschen den Hang dazu hatte, sich von Leuten was vormachen zu lassen. Aus dieser Kombination heraus und aufgrund der Tatsache, dass Mimmi extrem gerne über ihre Erlebnisse berichtete, war Mimmi ihre beste Freundin geworden in dieser Regenwoche. Eine Fernbeziehung mit wenig Potenzial, aber doch so etwas, wie ein Schlupfloch aus dem Bett, ohne dass sie dieses verlassen musste.

“Schon wach? Du bist heute aber früh auf”, schrieb Mimmi zurück. Ja, indeed. Heute war es noch recht früh. Ein guter Tag also, dachte sie und musste fast ein wenig lächeln. Sie sprang aus dem Bett auf, riss die saure Decke in die Luft und ließ sich auf den kalten Parkettboden fallen. Sie presste den Kopf ganz fest gegen das staubige Holz und begann zu weinen. Es fühlte sich so gut an. Endlich. Nach über einer Woche, nach über einer Woche kamen endlich die Tränen. Sie kullerten und kullerten, heiß und klebrig. Unter ihrer Wange bildete sich ein kleiner Tränensee. Dabei war sie ganz still, kein Schluchzen, kein Schnaufen, nur die Tränen, ganz still.

“Läuft bei mir”, tippte sie. Dazu noch ein Katzen-Smiley, so ein verschmitztes, kein trauriges. Senden.

Out of control, out of my control

Laute Stille

Allo Darlin’ – Tallulah

Es roch nach Sand. Ein bisschen roch es auch nach frisch gemähtem Gras, aber das war weiter weg, nur angedeutet von einem Wind, der erst später aufziehen würde. Es roch nicht nach irgendeinem Sand, sondern nach diesem roten Sand, den man auf Tennisplätzen findet, der immer auch etwas mit dem Geruch von Umkleidekabinen und verschwitzten Turnschuhen zu tun hat. Jedenfalls in ihrer Nase. In ihrer Nase spielten sich ja täglich die irrwitzigsten Erinnerungen ab. Ihre Nase erinnerte sich ständig an irgendetwas, wenn sie so durch die Straßen ging, oder in einem Spargelrisotto rührte, oder am Sonntagabend eine Tankstelle aufsuchte, um eine Packung Toastbrot zu kaufen. Die Nase wusste da immer irgendwas zu melden, an ihr Gehirn nämlich, dorthin, wo die Erinnerungen wohnten.

Den Erinnerungen hatte sie ein schönes großes Haus gebaut in ihrem Gehirn, mit vielen unterschiedlichen Zimmern. Und je nachdem, wie sich diese Erinnerungen benahmen, je nachdem, wie viel an schönem Gefühl sie ihr bezahlten, je nachdem durften die dann im Wohnzimmer sitzen oder halt nur auf dem Klo. Im Keller, da waren natürlich jene Erinnerungen eingesperrt, die einfach nicht auszuhalten waren. Aber klar, hey, das machten doch alle so in ihren Gehirn-Erinnerungswohnungen. Sie warf sich da selbst nichts vor. Du musst kein schlechtes Gewissen gegenüber deinen beschissenen Erinnerungen haben, die sind schuld und nicht du, dachte sie und tupfte ihre aufgeschürften Unterarme mit einem Taschentuch ab, auf das sie zuvor ein bisschen Spucke verteilt hatte.

Mit Spucke konnte man eigentlich alle Wunden heilen, das wusste sie noch von ihrer Oma. Das war eine sehr wunderbare Welt, in der alles mit ein bisschen Spucke wegzuheilen war, da brauchte es nämlich nicht einmal Zeit. Das Sprichwort der Oma ging: “Die Spucke heilt alle Wunden”. Dass das die Oma nie so gesagt hatte, war auch egal, weil es trotzdem gestimmt hatte. Das war allerdings ganz früher, als sie noch klein und die Erinnerungen noch keine Erinnerungen sondern gerade passiert waren.

“Ich werd ein neues Kleid brauchen, weil das hängt jetzt echt nur mehr in Fetzen”, sie rieb ihre aufgeschürften, leicht bespuckten Unterarme an dem zerissenen Stoff ab und lachte. “Ja”, antwortete ihre Freundin und legte den Kopf zurück auf die von der Sonne aufgeheizten Eisenbahnschienen. “Wenn da jetzt ein Zug käme, der könnte mir den Schädel sauber abschneiden. Klarer Schnitt am Hals. Schwubs. Dann fällt der da runter in den Graben und aus dem Rest spritzt die Blutfontäne. Haha.” “Was du für einen Schaden hast”, sie schüttelte den Kopf und warf ein vertrocknetes Grasbüschel auf ihre lebensmüde Freundin. So lebensmüde war die aber gar nicht, eigentlich ganz im Gegenteil, die liebte das Leben ja geradezu. Ein Zustand, den sie selbst bisher nicht erreichen hatte können. “Ich glaube aber nicht, dass der Zug dir den Kopf so sauber abtrennen kann. Ich glaube, da kommt nur mehr ein großer Batzen raus am Ende”, sagte sie und warf weiter kleine vertrocknete Grasbüschel auf ihre Freundin.

Ihre beste Freundin war Strawberry ja nicht, aber dafür ihre aufregendste. Allein der Name! Aber sie kannte fast nur Menschen mit außergewöhnlichen Namen. Das war irgendwie gerade der Trend der Zeit oder vielleicht auch nur ein Filter, den sie über die Menschen legte, um ein paar interessante Exemplare für sich herauszusuchen. Sowas tat sie. Menschen filtern, das war ihr Ding. Immer und immer wieder neu durchsieben und in gut sortierte Kollektionen einteilen.

“Ich bin eigentlich froh, dass wir hier den Hang heruntergestürzt sind, wir hätten diesen schönen Platz sonst im Leben nicht gefunden”, sagte Strawberry, die ihren gesamten Körper jetzt zwischen die Schienen gespannt hatte. “Wenn man einmal genau hinhört, kann man hören, wie laut diese Stille ist. Versuch du auch mal. Mir dröhnt die Stille in den Ohren.” Strawberry konnte sehr schöne Dinge sagen. Diese laute Stille, damit hatte ihre Freundin nämlich vollkommen recht. Dieser Moment, wenn sich sonst alles auflöste, bis auf die Sommerhitze und die laute Stille und den Geruch von rotem Sand. Sie wusste genau, was Strawberry meinte. Sie streichelte ihrer Freundin liebevoll über das aufgeschlagene Knie und spannte ihren Körper dann auch zwischen den Eisenbahnschienen ein. “Ok, ab jetzt. Pssst.”

Wenn ich das hier überlebe, wenn die Spucke die Schnitte weggeheilt hat und wenn wir irgendwann zuhause sind, dann werd ich ihr das sagen, dachte sie. Dann würde sie Strawberry verraten, warum sie wirklich mit ihr hierher verreisen hatte wollen. Die Freundin hatte wirklich keine Ahnung, worum es in diesem Urlaub eigentlich ging. Es war einfach zu peinlich, das im Vorfeld zuzugeben. Vielleicht war es nicht einmal peinlich, aber diese mittelmäßigen Erinnerungen, die zurzeit im Gästezimmer wohnten, die redeten ihr das ein bisschen so ein. Es konnte doch auch einfach ganz in Ordnung sein, wenn man mal wohin fährt, wo man sich dann explizit erhofft, jemandem nicht zu begegnen. Aber trotzdem will man eben so ein wenig in der Gegend sein. Nein, nein, jetzt nicht schon wieder darüber nachdenken, das macht Bauchweh. Konzentrier dich lieber auf die flimmernde Hitzestille. Sie rieb ihre verletzten Arme an den aufgeheizten Steinen, um dem Gehirn ein paar Schmerzimpulse zum Gedankenvertreiben zu schicken.

Sie lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Von Strawberry war seit gut einer halben Stunde kein Pieps mehr gekommen. Hoffentlich war sie noch da. Sie war natürlich noch da. Natürlich ist Strawy noch da, dachte sie und hörte noch etwas angestrengter in die Stille. Erst wenn auch die Vögel ihre Schnauze halten, weil es einfach zu heiß ist, erst dann ist es wirklich gut. Erst dann wird sie laut, die Stille.

“Hier wird er einmal sterben”, sagte sie und trat mit ihren Füßen gegen Strawberrys Füße. “Wer?” “Mein größter Traum. Hier wird er einmal sterben”, wiederholte sie und sprang von den Gleisen auf. “Ich habe keine verdammte Ahnung, wovon du redest, aber danke, dass du jetzt einen Lärm machen musst.” Strawberry wirkte etwas verärgert. “Musst du nicht wissen, musst du nicht verstehen. Ich muss dir eigentlich gar nichts sagen”, brüllte sie von oben auf die immer noch am Boden liegende Freundin hinunter. Strawberry schien davon wenig beeindruckt und reagierte auch nicht. Der Gefühlsausbruch kam wohl nicht besonders überraschend. Das war ihr selbst klar. Womöglich wusste Strawberry sogar, warum sie hierher gefahren waren. Aber naja, woher? Andererseits auch wieder: warum nicht. Aber war das möglich? Hatte sie ihr davon erzählt? Ne, nie. Geht das? Geht das schon wieder los?

“Ich komm später nach”, flüsterte Strawberry vor sich hin. “Ich komm dann nach.”

Sie war inzwischen auf und davon gelaufen, die Eisenbahnschienen entlang. In ihrer Wie-ein-gehetztes-Tier-Phase, ging das immer gut mit dem Laufen, dabei mochte sie Laufen normalerweise überhaupt nicht. Das war langweilig und anstrengend war es auch. Aber jetzt fiel ihr das wieder mal gar nicht auf. Wenn ich ihn nicht bald finde, um mich vor ihm zu verstecken, dann dreh ich noch durch. Sie riss ein paar Teile des zerfetzten Kleides ab und wickelte sie um die blutigen Unterarme. Alles im Laufen. Niemals stehenbleiben, nur nicht stehenbleiben. Ich muss ihn finden. Sie bremste ab und warf sich gegen den Hang, an dem sie zuvor an anderer Stelle herunter gekullert war. Ich weiß, dass er hier irgendwo ist. Ganz nah und ganz still. So still, dass ich ihn hören kann.

Sie vergrub ihren Körper im Gebüsch und begann in den Boden zu schreien. Nichts Bestimmtes, nur Laute. Jetzt dauerte es nicht mehr lange.

And I wonder if you would wanna go there with me 

Kein Platz

Moonface – November 2011

Der Mann in der Sitzreihe schräg vor ihr schrieb offensichtlich an einem Roman. Alles war sehr genau strukturiert. Er kopierte unterschiedliche Textbausteine von einem Word-Dokument ins nächste, arrangierte ganze Kapitel um und ordnete seinen Charakteren Eigenschaften zu. Sie beobachtete sein Vorgehen sehr genau. Die Enge des Flugzeuges erlaubte ihr den Einblick in dieses fremde, unfertige Stück Literatur – wenn es denn Literatur sein sollte. Die Absätze und Einleitungen, die sie von ihrem Platz aus auf seinem MacBook-Air-Bildschirm ausmachen konnte, klangen doch mitunter platt. Es ging um irische Grafschaften und dann wieder um Drachen und eine Altherrenrunde, die sich auf seltsam feministische Weise über Ehefrauen unterhielt. Cheesy. Aber auch strange. Wer weiß, was daraus einmal wird, dachte sie. Auftragsarbeit vielleicht?

Sie drehte die Musik lauter, schob den Regler auf “Rauschunterdrückung” und lehnte sich zurück. Sie mochte den Platz 8D. Auf Kurzstrecken achtete sie eigentlich immer darauf, auf dem Platz 8D einzuchecken, ein Gangplatz, recht weit vorne, in seiner geografischen Flugzeuglage erstaunlicherweise nahezu immer in weiterem Umkreis kinderfrei. Das mochte sie. Deshalb immer 8D. Fast.

Bald, bald, bald würde sie ihn wiedersehen. Sie konnte es kaum erwarten und hatte gleichzeitig richtiggehend Panik davor. Was, wenn es wieder so endete wie beim letzten Mal? Was, wenn sie wieder das falsche T-Shirt aussuchte? Was, wenn es wieder keinen freien Sitzplatz an dem Couchtisch gab? Sie spürte den täglichen Kopfschmerz aus dem Nacken heraufkriechen und begann nervös an den Kopfhörerkabeln zu ziehen.

“Möchten Sie noch etwas trinken?” Die Flugbegleiterin beugte sich über den Mann in der Sitzreihe schräg vor ihr, der gerade wieder einen neuen Textbaustein in eine Liste mit dem Titel “Optionen Kapitel 32 und 44” schob. Hoffentlich fragt sie mich nicht auch, hoffentlich nicht. Sie schloss vorsichtshalber die Augen. Auf dem Gangplatz 8D war nahezu alles perfekt, doch dieses zweite Anbieten von Getränken störte sie. Warum sollte sie jetzt noch etwas trinken wollen? Ich muss doch ohnehin schon dringend aufs Klo, dachte sie. Sie hasste diese Flugbegleiterfreundlichkeit, mit der sie einen auf Kurzstreckenflügen in die Harndrangfalle lockten, der man dann wieder nicht auskam, weil es einfach fucking zu spät war, vor dem Landeanflug noch einmal auf die ständig besetzte Toilette zu kommen. Sie drehte den Kopf zur Seite und versuchte ihre Aggression zu unterdrücken, bis die gröbste Gefahr vorrüber war. Nur nicht zu früh hinschauen.

Er würde sie natürlich nicht vom Flughafen abholen, das wusste sie. Er war ja nicht einmal darüber informiert, dass sie wieder in die Stadt kam. Nur für drei Tage diesmal, sehr kurz. Vielleicht würden sie sich auch gar nicht treffen. Vielleicht sollte sie ihren Aufenthalt ohnehin besser verschweigen. Ach, bald, bald, bald. Natürlich würde sie ihn wiedersehen. Sie entschied sich schließlich immer für das Ungesunde. Er war für sie eine Art fett frittiertes Gemüse. Eigentlich das beste, das idealste, das ihr passieren konnte, aber dann durch äußere Umstände komplett versaut und verdorben. Schlecht für sie, schlecht für ihn, schlecht für alle. Zum Schlechtwerden schlecht. Sie liebte ihn.

“Ich kenne dich gar nicht. Ich erkenne dich gar nicht. Ich möchte dich in diesen geheimen Raum führen, wo wir uns zum ersten Mal trafen.” Der Mann schrieb nun in Kapitel 12 weiter. Sie fand seine Worte unglaublich aufgesetzt, zum Schämen eigentlich, das jemand so etwas Blödes in einen Roman schrieb. Es regte sie auf, dass dafür Platz verschwendet wurde. Sie wollte nicht mehr nach vorne auf den Bildschirm schauen, so peinlich berührt war sie davon. Noch peinlicher berührt war sie allerdings, als sie bemerkte, dass sie diese dummen, stumpfsinnigen Worte längst in ihrem Gehirn abgespeichert hatte – heimlich – um sie dann gegen ihn zu verwenden, wenn sie sich trafen. Wenn sie wieder keinen Platz haben würde an diesem Tisch in dem Burgerlokal, in das sie nie gehen wollte. Und er auch nicht.

“Schnallen Sie sich nun bitte zum Landeanflug wieder an.” Ja, ich war nie abgeschnallt, was wollt ihr eigentlich von mir? Ich schaffs auch ohne eure shitty Toilette. Dankesehr. Es ist nur eine Kurzstrecke, okay?! In ihrem Kopfschmerz-Kopf setzte der emotionale Sinkflug ein, je näher sie ihrem Ziel kam. Für Traurigkeit war jetzt nicht die Zeit, Traurigkeit und Angst, das wollte sie sich für später aufheben. Erst mal mit Aggression durch den Tag kämpfen, dachte sie und bereitete in Gedanken eine kurze E-Mail für ihn vor, die sie später nach der Landung abschicken würde. E-Mail ist ja auch so lächerlich, nicht wahr? Wer schreibt denn heute noch E-Mails? Aber bitte, wenn er darauf bestand. Er war nun einmal altmodisch, da konnte sie nichts daran ändern. Niemand konnte etwas daran ändern.

Das letzte Mal, als sie sich von ihm verabschiedet hatte, war sie betrunken gewesen und hatte ihm beim Auseinandergehen noch einmal zugerufen: “Hier ist kein Platz für uns beide!” Er war stehen geblieben, hatte sich umgedreht und gelächelt. Es war der schönste Moment zwischen ihnen gewesen. Der schönste Moment, den sie je miteinander geteilt hatten. Sie waren sich einig gewesen.

Der Mann in der Sitzreihe schräg vor ihr klappte sein MacBook Air zu. Dann klebte er ein gelbes Post-it darauf, auf dem stand: Suche/Orte/Raum.

Baby we both know we are both crazy

Pommes und Pudding

Father John Misty – Hollywood Forever Cemetery Sings 

“Ich konnte letzte Nacht wieder nicht schlafen. Also, fast gar nicht.” Sie lehnte sich zur Seite an ihre Freundin und nahm ihr die Thermoskanne aus der Hand. “Mhm, wieso?” Die Freundin zog einen grünen Strohhalm unter dem Kopfpolster hervor und begann darauf herumzukauen. “Was war denn wieder?” “Die Gedanken waren wieder. Die ich jetzt ja öfter hab.” “Ja, das hast du schon länger. Soll ich uns was zu essen bestellen? Pommes oder lieber Caesar Salad? Den ohne Chicken?” “Ja, den ohne Chicken bitte. Und einen Pudding.” Sie nahm einen Schluck aus der Thermoskanne. “Kaum Mittag und wir saufen schon wieder. Aber wenns hilft.” Sie lachte. Ihre Freundin stand vom Bett auf, ging ins Vorzimmer und öffnete die oberste Schublade einer alten Holzkommode. Dann schob sie ein paar Schals zur Seite und holte einen altmodischen Telefonapparat hervor.

“Zweimal Caesar ohne, einmal Pommes, einmal Pudding. Dazu noch eine Flasche Gin… Jaja, den guten. Ja. Ja, mhm. Ja, genau. Den auch, ja. Nein, Vanille. Ok. Ja. Auf das Zimmer von Poppy Jules Riot. Genau. Riot. Nein, das sind die Suiten ohne Nummer. Ja, danke.”

“Ach, verdammte Kackscheiße. Ich hab die Heidelbeeren für deinen Pudding vergessen.” “Macht doch nichts, Poppypopps. Hier, trink doch mal wieder.” Sie stand nun ebenfalls vom Bett auf und ging auf ihre Freundin zu, um ihr die Thermoskanne zu reichen. Poppy Jules Riot, das war eigentlich nur ein Künstlerinnenname. Oder jedenfalls nannten alle ihre Freundin so. In ihrem Pass, den hatte sie vor Jahren einmal zu Gesicht bekommen, stand eigentlich Paula Julia von Riothurn. Auf dem Passfoto war Paula Julia von Riothurn mit langen blonden Haaren zu sehen gewesen, ein paar Sommersprossen um die Nase. Wenn sie ihre Freundin Poppy jetzt so ins Visier nahm, gab es da aber eigentlich keinerlei Ähnlichkeit mehr. Nicht nur der Name hatte sich irgendwann stark verändert, auch ihr Äußeres musste vor einiger Zeit einem ziemlich drastischen Wandel unterzogen worden sein.

Vor einiger Zeit schon, klar, denn sie kannten sich ja auch schon mindestens sechs Jahre, oder sieben. Und doch fand sie es immer noch seltsam, dass Poppy Jules Riot in einem Hotel wohnte. Seltsam und fucking cool. Sie wohnte da so richtig dauerhaft in einem Hotel, in einer riesigen Suite im Dachgeschoss, gemeinsam mit ihrer Mutter, einer schwedischen Küchenuhrdesignerin, und ihrem achtjährigen Kater Bowie. Die Mutter war allerdings fast nie da, weil sie seit zwei Jahren eine offene Beziehung mit einem russischen Literaturkritiker führte, der eine schöne große Villa am Stadtrand angemietet hatte, in der sich die beiden häufig über mehrere Monate hinweg allein oder auch in Gesellschaft anderer Paare einschlossen. Aus beruflichen, aber auch aus persönlichen Selbsterfahrungsgründen, wie es Poppy Jules Riots Mutter gerne auf den Punkt brachte – was immer das auch bedeutete.

“Also dann sag mal, wie hat es dich diesmal gequält, Süße?” Sie saßen sich nun auf dem Fußboden gegenüber, in der Mitte stand die Thermoskanne, Poppy Jules Riot lehnte ihren Rücken an die Wand, sie selbst legte den Kopf nach hinten auf die Bettkante. “Es ging natürlich wieder um das verdammte Sterben. Ich hab sie alle wieder vor mir gesehen. Am schlimmsten war es aber diesmal mit Tante Linda, du weißt schon, die als letzte gestorben ist. Ich musste die ganze Zeit daran denken, wie jung sie noch war und wie schlimm das alles war, als wir sie damals in ihrem Bett gefunden haben. Ich weiß einfach nicht, wie ich das vergessen soll.” “Sowas kannst du nicht vergessen. Du kannst das nur irgendwie aufarbeiten. Oder verdrängen.” Poppy Jules Riot zog sich das Shirt über den Kopf, und begann mit tiefer Stimme zu sprechen: “Uuuhhh wir sind die Geister, wir werden dich holen, uuuhhh.” Währenddessen schwang sie beide Arme durch die Luft und streckte ihre Mittelfinger aus.

“Lass den Quatsch, Popps. Du weißt, dass das für mich nicht lustig ist.” Sie nahm einen Schluck aus der Thermoskanne und begann zu lachen. “Ja sorry. Und du weißt, dass ich nur meine Rolle für dich spiele, Süße.” Popps, so nannte sie ihre Freundin meistens, krabbelte zu ihr hin und fiel ihr um den Hals. “Als ich damals meinen Dad tot in der Wanne gefunden hab, die Spritze noch im Arm, das Gesicht blau angelaufen. Ich sags dir, für eine Fünfjährige ist das kein guter Anblick.” Poppy Jules Riot flüsterte jetzt nur noch, das Shirt hatte sie wieder vom Kopf herunter gezogen. “Ich weiß, ich weiß, Popps.” Sie begannen beide leise zu schluchzen. Poppy Jules Riot fluchte zwischendurch.

“Träumst du manchmal von ihm?” Sie hatte diese Frage schon hunderte Male an ihre Freundin gestellt. Und diese hatte ihr schon hunderte Male exakt dasselbe geantwortet: “Ja, manchmal. Aber dann ist er immer komplett ohne Gesicht. Statt dem Gesicht sehe ich immer nur so einen Fleck, ein bisschen wie ein deformierter großer Kürbis. So in etwa.” “Vermisst du ihn?” “Nein, eigentlich nicht. Es nervt mich bloß, dass er meine Kindheit versaut hat. Und mein Erwachsenenleben. Jahrelange Therapie und Tabletten wegen dem Arschloch.” Poppy Jules Riot zündete sich eine Zigarette an und wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. “Ich krieg da einfach immer so eine Wut, dass ich zum Heulen komm. Meine Mutter hat einmal gesagt: Wenn er mich in Gedanken zu sehr nervt, soll ich mir vorstellen, dass ich ihn mit bloßen Händen erwürgt hätte, da in seiner Wanne, und dass er deswegen tot ist. Ich weiß oft nicht, ob das ein guter Tipp von meiner Mutter war.” “Nein, Popps, deine Mutter hat einen Knall und das wissen wir beide. Ich meine, sie macht Küchenuhrdesigns und lässt sich von so einem russischen Pseudo ficken.” “Mein Dad war auch nur ein Pseudo. Ein Pseudo mit blauem Blut. Hahahahaha. Ja so hat seine Fresse am Ende auch ausgesehen.”

Es klopfte an der Tür. “Ich mach auf, das sind die Pommes.” Poppy Jules Riot rannte eilig aus dem Zimmer. Die Thermoskanne war umgefallen. Auf dem Boden hatte sich eine Lacke gebildet, die die Umrisse eines Apfels zeigte. Oder einer Tomate. Oder eines Kürbis.

Jesus Christ, girl, what are people gonna think