Tapetentüren

Lower Dens – Brains

Ein lauter Knall, ein freier Fall, ein harter Aufprall. Ihre Muskeln zuckten, sie versuchte sich zu orientieren, blickte links, rechts, links, rechts, nach oben, nach unten, und noch einmal von vorne. Links, rechts. Es war dunkel, der Boden roch nach altem Holz. Sie presste das Gesicht ganz fest auf den Untergrund und atmete die modrige Luft ein, die aus den kleinen Ritzen herausströmte – warm und vertraut. Tief einatmen, tief ausatmen. Auf allen Vieren kroch sie in Lauerstellung nach vorne, langsam, behutsam, geräuschlos. Hinter ihren Augen zuckten kleine Stromstöße, die salzige Tränen auf ihre Wangen hinaustrieben. Noch ein paar Meter, dann hatte sie es geschafft, geradeaus, da vorne blitzte das rettende Licht durch einen Spalt unter der Tür hindurch. Nur noch ein bisschen, ein bisschen noch. Sie drehte den Kopf, links, rechts, links. Jetzt gleich, hier, nur noch einmal bewegen.

Sie griff nach vorne in die Dunkelheit, versuchte sich an der Tür aufzurichten, suchte nach dem Knauf, der irgendwo im Verborgenen auf sie wartete. Auf sie warten musste. Sie griff ins Leere, wieder und wieder und wieder. Ihre Hände rutschten an der glatten Wand ab. Das Licht unter dem Türspalt war verschwunden.

“Kommst du nicht zu uns heraus?” Eine Stimme drang von der anderen Seite in das Zimmer. Sie lehnte den Kopf gegen die Wand, drückte ihr Ohr fest dagegen und flüsterte: “Ich komme gleich, ich komme, ich muss nur noch die Tür finden. Wartet auf mich.” “Kommst du nicht zu uns heraus?” Dieselbe Stimme fragte noch einmal, lauter und fordernder, so als hätte sie darauf noch gar nicht geantwortet. “Gleich, gleich, wartet auf mich.” Sie sank zurück zu Boden, nahm ihre Lauerstellung wieder ein und kroch weiter auf allen Vieren der Wand entlang.

“There’s a crack up in the ceiling and the kitchen sink is leaking…” Sie summte leise vor sich hin, während sie den dunklen Raum weiter nach der Tür durchsuchte. “We are strictly second class, we don’t understand. Dead end!” Ihre Stimme wurde lauter. “Dead end street, dead end street. Yeah.” Sie brüllte mit ganzer Kraft durch das Zimmer. Wie ein kleiner flinker Hamster in einem Labyrinth durchkämmte sie den quadratischen Raum, stieß mit dem Kopf immer wieder gegen die Wände, erblickte den rettenden Lichtstrahl, der unter dem Türspalt hindurch schimmerte, näher, näher, noch näher und wieder: nichts. “Wir müssen weiter, wir müssen weiter, Deborah!” Sie wollte zurückrufen nach draußen, sie wollte rufen: “Aber ja doch, ich bin doch schon auf dem Weg, ich bin gleich da!” Aber ihre Stimme versagte, sie konnte keinen Ton mehr aus ihrem trockenen Hals bringen. Wer war Deborah? Oh do you recall, your house was very small with woodchip on the wall. Sie malte die Worte mit dem Finger in die tiefschwarze Luft, die sie gefangen hielt, die ihr den Weg versperrte zu der Tür. Der Tür, die nach draußen führte zu den anderen. Sie werden ohne mich weitermachen, ohne mich, dachte sie, sie brauchen mich nicht mehr.

Ihr Herz pochte, von ihrer Stirn tropfte der Schweiß. Erschöpft hielt sie inne und rollte sich auf den Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt. Sie musste an Kafkas Verwandlung denken, wie gelähmt lag sie da auf dem Boden. Waren ihr Fühler an der Stirn gewachsen? Sie fasste sich voller Panik mit beiden Händen an den Kopf. Nein, was für ein Unsinn, natürlich nicht. Aber was war das? Von ihren Fingern tropfte dicker, stinkender Schlamm, Erde, Gras, es roch nach Kot und frischen Regenwürmern. Sie rollte sich mit aller Kraft wieder zurück auf den Bauch, kniete sich hin, versuchte die schmutzigen Hände an ihrem Pullover abzuwischen. Sie griff ins Leere, wieder und wieder und wieder.

Ihre Hände griffen durch sie selbst hindurch als wäre sie gar nicht hier, als wäre ihr Körper gar nicht existent. Bin ich tot? Wo bin ich? Sie spürte eine gewaltige Panikattacke aus verschiedenen Richtungen in ihrem offenbar nicht mehr vorhandenen Körper heraufziehen. Sie wollte schreien. Hilfe, Hilfe, wartet auf mich! Wo zum Teufel ist die Tür?! Sie brüllte es nur in Gedanken, sie hatte keine Stimme. Wo kein Körper ist, da ist auch keine Stimme, dachte sie.

“Du darfst jetzt nicht aufgeben, Deborah!” Sie waren noch da, sie warteten noch, sie warteten noch immer auf sie. Was für eine Erleichterung. Aber wer war Deborah? “Wer ist Deborah?” Leise und heiser krochen die Worte aus ihrem Mund. “Wer ist Deborah?” Sie wiederholte die Frage wieder und wieder und wieder. Niemand antwortete. Der Boden unter ihren Knien wurde immer weicher, der Geruch von altem Holz war vollkommen jenem von Schlamm und Erde gewichen. Ihre Hände gruben sich tief in den feuchten Boden, während sie weiter durch die Dunkelheit kroch, angezogen von dem kleinen Lichtstrahl, der unter der Tür durchblitzte.

Ein lauter Knall, ein freier Fall, ein harter Aufprall. Ihre Arme ruderten wie wild im dunklen kalten Wasser, ihre Lungenflügel versagten, sie rang nach Luft. Nach oben, nach oben, ich muss nach oben. Sie streckte den Kopf, sie strampelte mit den Beinen und streckte den Kopf und ruderte mit den Armen, um sie herum war Stille und stilles dunkles Wasser. Sie wollte um Hilfe schreien, aber sie erstickte an ihren eigenen Worten, während kleine Bläschen aus ihrer Nase in das Wasser hinaus aufstiegen. Sie werden es schaffen, die Bläschen werden es schaffen, aber ich nicht, dachte sie und strampelte und ruderte nach allen Seiten hin.

Das wars. Das ist das Ende. Dead end street. Dead end street. In ihrem Kopf war kein Platz mehr für einen klaren Gedanken, alles war bis zum Rand hin angefüllt mit Wasser. Ihre Kräfte versagten und ihre Bewegungen wurden schwächer und immer schwächer. “Du darfst jetzt nicht aufgeben, Deborah!” Eine gedämpfte Frauenstimme drang an ihr Ohr, weit weg, so weit weg, immer weiter weg. “Deborah.” Wer war Deborah?

Ein Knall. Ein lautes Klatschen. Eine kalte, flache Hand schlug ihr ins Gesicht. “Hey, hey, hey. Hörst du mich?” Ja, sie hörte etwas. Sie hörte etwas. Sie war nicht tot. Aus ihrem Mund quoll dunkles stilles Wasser, vor ihren Augen flackerte das dumpfe Licht einer Straßenlaterne. Auf ihren durchnässten Köper prasselte warmer Regen. Unter ihrem Rücken quollen Schlamm und Gras hervor. Sie grub die Hände in den nassen Boden, während sie regungslos auf dem Rücken lag. Sie wollte etwas sagen, sie wollte Ja sagen, dann fiel ihr Blick auf ein Paar rote Doc Martens, die jemand neben ihrem Kopf abgestellt hatte. The owls are not what they seem. “Wer ist Deborah?”, fragte sie und malte die Worte mit dem linken Zeigefinger in die Luft.

Don’t be afraid, everything will change while you’re asleep

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Ohne Titel, aber egal

The National – Sorrow

“Also heute bin ich mal so richtig wütend. Heute halte ich mich nicht mehr zurück. You little shit. You little fucking shit.” Der Mann an der Bar sprach in sein leeres Schnapsglas als hielte sich darin irgendein bedeutender Gesprächspartner versteckt. Er zuckte unruhig mit den Achseln und versuchte ganz offensichtlich jemanden davon zu überzeugen, dass heute der Tag aller Tage war. “Heute ist der Tag aller Tage, an dem ich mich nicht mehr zurückhalten werde. Oh boy! Heute sag ichs ihm. Heute sag ichs ihm.” Der Mann kratzte sich nervös am Kopf und grub seine Finger tief ins dunkelbraune Haar.

Sie saß alleine mit ihrem Laptop und einem Glas Whiskey an einem kleinen Holztisch in dem ansonsten leeren Lokal. Es ist jetzt 13.33 Uhr. Ich sitze alleine mit meinem Laptop (Thinkpad, Anm.) und einem Glas Whiskey (irisch, Anm.) an einem kleinen Holztisch (Buche, Anm.) in einem ansonsten leeren Lokal (San Francisco, Anm.). Sie tippte die Zeilen gewissenhaft auf eine leere Seite in einem frisch geöffneten Google Docs-Dokument mit dem Titel “Untitled”.

“Another one.” Der Mann mit dem zerzausten dunkelbraunen Haar an der Bar nickte dem Barkeeper zu und setzte sein Gespräch mit dem Schnapsglas fort. “Heute mach ich Schluss, heute kommst du mir nicht mehr damit durch.” Fucker, dachte sie. Da fliegst du weißderteufelwieviele Kilometer (Meilen, Anm.) um die Welt und dann sitzt da in einer Bar in San Francisco so ein vertrottelter Deutscher, der sich mitten am Nachmittag die Birne wegsäuft und mit seinem Schnapsglas unterhält. Er sieht süß aus mit seinen Wuschelhaaren, dachte sie und schrieb es dann auch in ihr Google Docs-Dokument. “A glass of milk, please!” Sie winkte dem Barkeeper mit beiden Armen zu, als wollte sie ein Passagierflugzeug auf seine Parkposition einweisen.

Wenn sie jetzt ein Glass Milch trank, wie würde sich das in ihrem Magen wohl auf die Whiskey-Unterlage auswirken? Naja gut, also, White Russian hat auch noch nie geschadet, dachte sie und schrieb es unter die Zeile, in der es um die Wuschelhaare ging.

“Wie heißt du?” Hatte sie das gerade wirklich laut gefragt? Es war nicht unbedingt ihre Art fremde Menschen anzusprechen. Weniger noch am Nachmittag. Und noch viel weniger, wenn es sich dabei um offensichtlich betrunkene Irre handelte, die sich mit einem Schnapsglas unterhielten. Auf Deutsch. In San Francisco. “Wie heißt du denn?” Sie wiederholte den Satz, um auch wirklich sicher zu gehen, dass sie entgegen ihrer Art eben genau das gerade gesagt hatte. Gefragt.

Der Barkeeper blickte in ihre Richtung, nickte und bückte sich hinter seinem Tresen, um aus nicht nachvollziehbaren Untiefen eine Packung Milch hervorzuholen. Niemand sagte ein Wort.

“Sag einmal, wie heißt du denn?” Der wuschelig bekopfhaarte deutsche Schnapsglasirre reagierte weiterhin nicht auf ihre Frage. Spinnt der Typ? Ist er vielleicht taub? Gibt es das denn? Eine innerliche Erregung kroch durch ihren mit Whiskey-Nachgeschmack gefüllten Hals herauf und trieb ihr eine kirschrote Wut ins Gesicht. So fühlte es sich jedenfalls an. Unfassbar. “Heute ist der Tag aller Tage. Alter.” Der Mann an der Bar wurde lauter. Sie stand auf und schlurfte in Richtung Theke, auf der ein milchgefülltes Bierglas auf sie wartete.

Puh. Was nun?

Sie stützte ihre Arme an den Hüften ab und stellte sich neben den Schnapsglasdeutschen, wie er jetzt offiziell in ihrer für später vorgemerkten Geschichte hieß. “Hast du einen Namen oder wie?” Sie boxte ihm mit ihrem rechten Ellbogen leicht in die Seite. Der Mann schaute von seinem Schnapsglas auf, drehte sich zu ihr hin und lachte. “Was ist denn bitte so lustig?” Sie versuchte ihre kirschrote Wut unter Kontrolle zu halten, aber es war wohl schon ein wenig zu spät dafür. Der Mann ging nach wie vor nicht auf ihre dringlichen Fragen ein. “Und du so? Kellnerin oder Auslandssemsterstudentin oder beides?”

Sie musste sich jetzt arg zusammenreißen. Nein eigentlich musste sie sich nicht zusammenreißen. Sie musste überhaupt gar nichts. Was bildete der sich ein? Umgangsformen, schon mal was gehört davon? Was für eine grenzüberschreitende Frechheit! Sie spürte, wie sich ihr Gesicht langsam in einem Meer von Rot, in einem roten Wutmeer auflöste. In ihren Haarspitzen zuckten kleine Stromschläge und aus ihren Ohren quoll ein ungewöhnlich lauter Tinnitus. Na dem werd ichs jetzt zeigen.

“Kellnerin”, antwortete sie und nahm einen Schluck Milch. Der Schnapsglasdeutsche zuckte mit den Schultern und schob seinen kleinen Gesprächspartner ein Stückchen in ihre Richtung. “Na ist ja auch egal, ne.” Na und ob das egal war, und überhaupt war sie gar keine Kellnerin und wie konnte so ein Typ einfach so etwas fragen, eine fremde Frau in einer Bar am Nachmittag in San Francisco. Na also das war ihr jetzt nicht mehr egal. “Egal”, sagte sie und nahm noch einen Schluck Milch. “Ist sowieso alles schon egal. Mir persönlich ist das ganz egal, wie du heißt. Du musst mir das echt nicht sagen. Wir brauchen da keine Sache daraus machen. Ehrlich.” Sie schaute ihm in die Augen, die halb von den Wuschelhaaren verdeckt waren. “Eben”, er schob das Schnapsglas noch ein bisschen näher zu ihr hinüber. “Danke.” Sie setzte an und trank es leer.

Es war ein bisschen stiller geworden innen in ihrem Kopf und auch außen in der Bar. Immerhin hatte sie den Gesprächspartner des Schnapsglasdeutschen ausgetrunken, quasi. Mit wem sollte er jetzt noch sprechen? Ob sie ihn darauf ansprechen sollte? Sie nahm noch einen weiteren Schluck Milch. Der Barkeeper schob ihr daraufhin eine halbleere Zweiliterplastikflasche Full Fat hin. Überhaupt wurde ihr an diesem Tag viel zugeschoben. Nein, eigentlich wurde ihr an jedem erdenklichen Tag viel zugeschoben, aber anders. Sie wusste nicht, was sie zu dem Wuschelhaarmenschen, der bis gerade eben der Schnapsglasdeutsche gewesen war, noch sagen sollte. Sie fühlte sich betrunken und ein bisschen traurig. “Ich werde mich nun wieder an meinen Tisch setzen.” Sie klang wie ein zwölfjähriges Mädchen, das sich mit seiner Deutschlehrerin über eine misslungene Hausaufgabe unterhielt – kurz nachdem feststand, dass an der schlechten Note nicht mehr zu rütteln war. “Mmm. Ciao.” Der Mann sagte nichts, sondern schaute sie bloß belustigt an. Sie drehte sich um und schlurfte zu ihrem Platz zurück.

Das Google Docs-Dokument mit dem Titel “Untitled” war noch immer auf ihrem Rechner geöffnet. Sie hatte aber keine Lust mehr, daran weiterzuschreiben. Sie klappte den Laptop zu und starrte aus dem Fenster in einen kleinen mit Unkraut verwucherten Hinterhof, in dem sich eine schwarzweiße Katze auf dem Rücken über den sandigen Boden rollte. Ein Foto machen? Ach, scheiß drauf. Sie hatte ihre Milch an der Bar vergessen.

“Das war heute gar kein so schlechter Tag”, der Schnapsglasdeutsche hatte sich seinen Gesprächspartner wieder auffüllen lassen. “Ich hab ein süßes Mädchen getroffen. Sie hat mich angelogen und behauptet, sie sei eine Kellnerin.”

Don’t leave my hyper heart alone on the water

Direkte Rede

Perfume Genius – All Waters

Erinnerst du dich noch daran, als wir damals über das Schreiben schrieben? Ich glaube, es war 2008. Vielleicht war es auch schon früher. Meine Erinnerungen sind manchmal nicht mehr so gut, schon noch in Ordnung, aber nicht mehr ganz so gut halt. Meine Erinnerungen sind so wie eine vor zwei Tagen geöffnete Packung Chips, schon noch in Ordnung, aber nicht mehr ganz so gut halt. Wir hatten uns über Thomas Bernhard unterhalten und über seinen Stil. Die Wiederholung. Die Schachtelsätze. Erinnerst du dich noch daran, als wir uns damals sagten, wir müssten aufpassen, dass wir nicht zu sehr wie Bernhard klingen? Ich glaube, es war 2002. Vielleicht war es auch schon früher.

Sie legte den Stift zur Seite und lehnte sich zurück. Wie lange hatte sie das nicht mehr gemacht? Auf einer Parkbank sitzen und in ein Notizbuch schreiben, auf echtes Papier. Papier tötet Bäume! Sie malte die drei Worte in dicken schwarzen Druckbuchstaben auf eine unbeschriebene Seite. Dann riss sie das Blatt heraus.

Erinnerst du dich noch daran, als wir uns damals über das Reden unterhielten? Ich glaube, es war 2006. Es war definitiv 2006. Wir erinnern uns nur daran, woran wir uns erinnern wollen. Den Rest löschen wir aus. Ich erinnere mich nicht mehr daran! Was für eine Lüge, was für ein Selbstbetrug. Und doch unabsichtlich. Es ist schwer, eine Unterhaltung zu schreiben, sagtest du. Weißt du noch? Du weißt doch alles immer so genau. Aber wie man eine Unterhaltung schreiben sollte, das wusstest du nie. Bernhard war kein Freund von Landschaftsbeschreibungen, vergeudete Zeit, vergeudete Seiten, vergeudetes Papier. Ich hatte dir davon erzählt, erinnerst du dich? Wir hatten darüber geredet, damals in deinem Zimmer mit den Polaroids an der Wand. Schwarz-weiß. Die Straßen waren bedeckt mit Blumen und der Kanal suchte sich lautlos seinen Weg, schnitt die Stadt in zwei ungleiche Teile. Streich diesen Teil, hattest du gesagt. Lösch ihn aus. Die Gärtner sind immer die Guten.

Die Sonne blinzelte zwischen den Wolken hindurch, sie setzte sich ihre Ray Bans auf und legte das Notizbuch zur Seite. Unter ihren Füßen sammelte sich altes Laub vom vorigen Jahr. Ein Frühling, der sich wie ein Herbst anfühlt, dachte sie. Auf Jahreszeiten kann ich gerne verzichten, genauso wie auf Wind. Aber das Wetter kann man sich eben nicht aussuchen, nur ob man sich darüber beschwert oder eben nicht. Sie schlug mit dem Stift taktvoll auf das Notizbuch ein.

Du wirst diese Zeilen niemals lesen. Ich hätte dir gleich richtig schreiben sollen. Weißt du noch, als wir darüber nachdachten, wie wir unsere Gedanken aufzeichnen könnten? Ich will nicht darüber sprechen. Das hast du gesagt. Stimmt doch gar nicht, stimmt wohl. Na was jetzt? So hatten wir unsere Gedanken zerlegt, ist dir das im Gedächtnis geblieben? Du bist nicht mal eine richtige Person. Du bist bloß meine Idee von jemandem, den ich gerne einmal geliebt hätte. Inzwischen bist du mir egal. Aber meine Idee habe ich behalten, sie war schließlich immer meine Idee und nicht deine. Alles, was dir gehörte, habe ich dir längst zurückgegeben. Inzwischen war es dir egal.

Es war kalt. Zu kalt für Frühling, kalt genug, um sich darüber zu beschweren. Sie dachte oft darüber nach, über Kälte und wie sehr sie die Kälte hasste. Aber davon wird man nicht krank. Krank wird man von der unerträglichen Banalität der eigenen Worte. Sie setzte ihre Sonnenbrille wieder ab.

Hast du noch diesen Brief, in dem ich dir damals von meinen sinnlosen Geschichten erzählte? Hast du noch dieses Foto, auf dem wir damals mit unseren sinnlosen Notizen posierten? Schwarz-Weiß. Keine Malerei. Ich mochte deine Haut und ich mochte deine Frisur und ich mochte deine Art, wenn dir plötzlich Dinge peinlich waren. Hast du das gewusst? Meine Lieblingsfarbe ist keine. Wie sinnlos waren die Zeilen, die wir uns gegenseitig auf die Unterarme gekritzelt hatten. Wenn du das runter wäschst, rede ich nie wieder ein Wort mit dir! Ja, das schaue ich mir an. Und wie du geschaut hast. Es ist mein Geheimnis bis heute.

Eine ältere Frau näherte sich der Parkbank, auf der sie saß. Bitte nicht, bitte nicht, dachte sie. Ach scheiße, was bist du für ein asoziales Miststück. Sie schaute nach oben in den Himmel. Natur gibt mir rein gar nichts, dachte sie. Aber schön, dass wir uns wieder einmal getroffen haben. Naturgemäß. Sie schrieb das Wort in fetten schwarzen Buchstaben auf ihren linken Unterarm. Wie damals. Wie kindisch. Wie bescheuert muss man sein, erwachsen sein zu wollen? Erwachsen und nett. Konnte es schlimmere Schimpfworte geben? “Klar, hier ist noch frei.” Die Frau setzte sich auf die Parkbank. “Wie nett von Ihnen, danke.”

Das ist alles nur Attitüde, du bist gar nicht so. Das ist alles nur ein Schutzmechanismus, du bist gar nicht so. Das ist alles nur Übung, das ist gar nicht so schwer. Das galt für uns beide, du weißt das noch. Und ich, ich weiß gar nicht mehr, wie du aussiehst. Wir sehen uns jeden Tag, aber so, wie du damals für mich ausgesehen hast, so kann ich dich einfach nicht mehr erkennen. Schwarz-weiß. Auf den Polaroids bist du. Ich wünschte, wir wären irgendwann gemeinsam zu sehen gewesen. Irgendwann, hatte ich dir damals geschrieben, irgendwann. Heute weiß ich nicht mehr, wann wir uns verpasst haben. 2011?

Ich mochte deine Stimme, ich mochte das Kratzen, wenn du in den hohen Lagen singen musstest. Wie unfassbar schlecht das alles war und wie unfassbar schön. Über Musik reden wir ein anderes mal, hattest du gesagt, damals in deinem kleinen Zimmer mit der kaputten Lampe an der Wand. Kannst du dir eigentlich noch selbst zuhören? Jede Lüge ist echter als die Wahrheit. Darauf hatten wir uns geeinigt. Das gilt. Das gilt immer noch. Irgendwann, irgendwann werde ich dich wiedersehen. Nicht jeden Tag, an dem wir uns treffen, aber an dem Tag, an dem ich gehe. Dann werde ich dir eine Bloody Mary hinstellen mit Sellerie. Sellerie, das ist Gemüse. Und die Gärtner sind immer die Guten.

Sie steckte das Notizbuch in ihre Tasche, stand auf und ging.

with no hesitating 

Knirschen

Wilco – How To Fight Loneliness

Über ihrem Kopf baumelte eine kleine, halb durchsichtige Spinne. Der Wind schaukelte das fragile Tier, das sich von einer Kokospalme gefährlich nahe an ihr Gesicht herabgeseilt hatte, schwungvoll hin und her. Sie bewegte sich nicht, richtete den Blick wie hypnotisiert auf die tanzende Spinne. Zwischen den Palmenblättern blitzte die Nachmittagssonne hindurch und malte Streifenmuster auf ihre nackten Beine. Sie grub ihren Arsch noch ein bisschen tiefer in den Sand. Dieser schöne, warme Sand. Ich möchte mich panieren, dachte sie. Ich möchte so tun, als wäre ich nichts als ein Stück paniertes Fleisch. In der tropischen Hitze herausgebraten mit 100 Prozent Sonnenöl. Yummy.

Als sie noch jünger war, im Teenageralter, aber auch noch eine Zeit lang danach, waren ihr Strandurlaube zutiefst zuwider gewesen. Nie im Leben fahr ich mit euch nach Scheiß Italien! Bevor ich mit euch nach Scheiß Griechenland fliege, mach ich lieber Ferien im Knast! Ich werd ganz sicher nicht mit euch nach Scheiß Thailand mitkommen! So war das damals, wenn ihre Eltern höflich fragten, ob sie vielleicht Lust hätte auf eine Woche Ausspannen, gratis und alles inklusive. Nope. Sie wollte lieber in coole Städte reisen. London, das ist meine Lieblingsstadt, in Barcelona gibt es die besten Clubs, in Stockholm haben die wirklich wirklich Stil – so funktionierte das in ihrem Kopf. Damals.

Sie drehte sich auf den Bauch. Der Wind hatte das kleine Spinnentier davon getragen. Sie drückte ihr Gesicht mit geschlossenen Augen flach auf den Boden, ihre Nase bohrte kleine, schattige Canyons in den Sand. Bitteschön, mach jetzt bloß nicht dein Maul auf, dachte sie, während es bereits zwischen ihren Zähnen zu knirschen begann.

Als sie noch klein war, im Kindergartenalter, aber auch noch eine Zeit lang danach, hasste sie es, in der Sandkiste mit den Nachbarskindern zu spielen. Zu tief saß ein frühes traumatisches Erlebnis, als der damals zweijährige Günther ihr, die sie wohl im selben Alter gewesen sein musste, mit einem großen Stein beim netten Sandkisten-Date auf den Kopf geschlagen hatte.

Pling. Sie streckte ihren linken Arm zur Seite und suchte mit ihrer Hand nach der Tasche, die da irgendwo neben ihr lag. Ihr Gesicht ließ sie dabei im Sand begraben. Pling. Pling. Sie schob ihren Körper ein Stückchen in die Richtung, in der ihre Hand nach der Tasche suchte. Ihre sandigen Finger stießen auf ein Stück Stoff, sie holte ihr Gesicht aus der Mulde und strich sich mit dem rechten Arm über die Augen, die sie weiter geschlossen hielt. Von überall rieselten die kleinen Sandkörner von ihr herab. Sie zog ihr Smartphone und ein Bikini-Oberteil aus der Tasche. Pling.

Sie wischte sich mit dem schwarz-weiß gepunkteten Bikini-Oberteil die Augen sandfrei. Dann versuchte sie mit ihren verklebten Fingern das Telefon zu entsperren. Pling.

“Do u miss me?”
“;)”
“Do u?”
“Wo bist du gerade?”
“Der Hund hats nicht geschafft…”

Ich kann das jetzt nicht, dachte sie. Ich kann einfach nicht. Sie steckte das Smartphone zurück in die Tasche und starrte aufs Meer. Die Menschen mögen das Rauschen des Meeres, sie schauen den Wellen zu und glauben, dass ihnen das irgendetwas nützt. Beim Entspannen, beim Abschalten. In ihrem Leben. In ihrem Luxus-Urlaub-Leben. Fuck you, Meer! Ich brauch dich nicht. Sie holte das Smartphone wieder aus der Tasche heraus.

“I’m so sorry”

Sie legte sich auf dem Rücken zurück in den Sand und das Telefon auf ihren Bauch. Pling. Sie hielt sich den kleinen Bildschirm dicht vor die Augen, die an den Rändern noch immer von Sand und Sonnenöl verklebt waren.

“…”

Ich kann das jetzt einfach wirklich wirklich nicht, dachte sie. Dann krochen ein paar trockene Tränen in ihr hoch. Das kann man alles gut hinunterschlucken, immer mit Sand nachspülen, mit Sand, mit Sand. Der schöne, warme Sand. Sie überlegte kurz, wischte auf dem Bildschirm hin und her.

“Schreib mir bitte nicht mehr”
“Bitter nichht mehr. Bye!!”

Sie wischte sich frischen Sand in die Augen, während sich ein kleines salziges Rinnsal den Weg über ihre Wangen suchte. Dann legte sie das Telefon neben sich auf den Boden, drehte sich wieder um und vergrub das Gesicht in der Mulde mit den kleinen Nasen-Canyons von vorhin. Das Meer rauschte in ihren Ohren, vielleicht war es auch der Wind oder das Blut, das durch ihren Kopf strömte und jetzt den Anschein erweckte, dringend irgendwo raus zu wollen.

“Hey, steh doch mal auf hier. Die Leute schauen schon.” Eine Männerhand strich über ihren Rücken. Sie bewegte sich nicht. “Um 17 Uhr werden wir in der Club Lounge erwartet. Vielleicht möchtest du dich noch frisch machen.” Er sagte es nicht als Frage. Es war ein Befehl. Sie bewegte sich nicht. “Ich seh dich dann dort.” Die Hand zog sich von ihrem Rücken zurück. Sie drehte sich um.

Sein Gesicht verschwand hinter den Sonnenstrahlen, die durch den Palmenschatten fielen. Von seinen nassen Haaren fielen zwei kleine Tropfen auf ihre Beine. Ihr Blick fixierte sein weißes T-Shirt. “New Order” stand darauf zu lesen. Ich hasse dich, dachte sie. Dann nickte sie ihm zu.

Shine your teeth til meaningless and sharpen them with lies

An der Ecke links

David Bowie – Five Years

“Ok dann. Ciao. Für immer ciao.” Sie knallte ihr Smartphone auf den Boden, lief in die Küche und riss den Kühlschrank auf. Sie brauchte jetzt schnell irgendwas – Wein, Bier, Wodka, egal. Wodka. Sie nahm die Flasche heraus, schraubte den silbernen Verschluss ab und setzte an. Ok, ok, ok. Besser. Atme, dachte sie, atme. Dann rannte sie quer durch die Wohnung, drehte die Musik lauter, rannte wieder quer durch die Wohnung und stellte sich schließlich vor den Spiegel im Badezimmer. Ihr Gesicht brannte, die Augen waren gerötet und geschwollen, die Haare klebten schweißnass auf ihrer Stirn. Sie nahm einen schwarzen Eyeliner aus dem Schrank neben dem Spiegel und zog sich dicke Linien unter den Augen. Dann rannte sie zurück in die Küche.

Fuck. Die Flasche war so gut wie leer. Ok, ok. Nochmal rausgehen, dachte sie. Sie zog ihre Schuhe an, steckte sich einen Zwanzig-Euroschein in die Hosentasche und stolperte hastig zur Tür raus.

Fuck. Es regnete. Es war dunkel. Es war kalt. Zu kalt für Mai. Egal, dachte sie, egal, jetzt nur schnell eine neue Flasche Wodka kaufen. Sie lief die Straße entlang, dann links in die nächste, dann nochmal links. Nur noch zehn Meter, fünfzehn vielleicht. Ihre Schritte verlangsamten sich langsam. Gleich war sie am Ziel. Jetzt nur schnell eine neue Flasche Wodka kaufen.

Fuck. Sie schlug mit dem Gesicht auf dem nassen Asphalt auf. Ihre Arme schrammten am Gehsteigrand entlang. Was war das? Scheiße, scheiße, was war das? Sie versuchte sich zu bewegen, drehte sich zur Seite und tastete ihren Kopf vorsichtig nach Blutspuren und Kieselstein-Einschlagslöchern ab. Offensichtlich hatte sie irgendjemand heftig von hinten gestoßen. Atme, dachte sie, atme. Ihr Kopf schmerzte, Löcher schien es aber keine zu geben. Atme, dachte sie. “Du musst aufstehen, schnell, steh auf.” Eine Frauenstimme brüllte ihr ins rechte Ohr. “Na komm schon, los, steh auf, beeil dich.” Die Frauenstimme wurde noch lauter. Sie versuchte ihren Blick, der sich an ein rotes Paar Doc Martens direkt vor ihrem Gesicht geheftet hatte, nach oben zu richten.

“Los, sie kommen, steh endlich auf.” Eine Hand schnellte nach unten und zog heftig an ihrem linken Arm. Sie nahm alle Kraft zusammen und bewegte ihren schmerzenden Körper – erst auf die Knie, dann auf die Füße. Die junge Frau, die ihr unentwegt entgegen brüllte, schien es wirklich eilig zu haben. “Bist du ok? Wir müssen schleunigst hier weg. Achja, und sorry. Aber los jetzt.” Sie verstand kein Wort. Worum ging es gerade? Wer war diese Frau? Und wer war hinter ihr her? Sie versuchte etwas zu sagen, aber offensichtlich war für Fragen gerade nicht die richtige Zeit. Also gut, dann laufen wir davon!

Sie rannte neben ihr her. Die Frau immer einen halben Schritt schneller, einen halben Schritt voraus. “Da lang, wir müssen runter zum Kanal.” Sie liefen noch ein bisschen schneller. Ihr Rücken schmerzte, ihre aufgeschürften Hände waren nass und schmutzig, an ihrem linken Knie war die Hose blutdurchtränkt. Aber das alles war überhaupt nicht wichtig, wichtig war nur, dass sie jetzt davonlief. Sie lief und lief, Seite an Seite mit dieser unbekannten Frau, ohne zu wissen, warum. Je länger sie so schmerzgeplagt durch die Nacht in Richtung Kanal lief, desto überzeugter war sie davon, dass das jetzt das einzig Richtige war, das Einzige, das zählte. Sie rannte und rannte, irgendwann rannte sie um ihr Leben.

“Wir sind jetzt da. Bleib stehen.” Die Frau keuchte und fasste sich an die Brust. “Da.” Der linke Arm der Frau deutete in die Dunkelheit, von der umgeben der Kanal um diese Uhrzeit die Stadt  fast lautlos von Norden nach Süden in zwei Teile schnitt. “Wir müssen uns auf den Boden legen, damit sie uns nicht finden.” Jene Hand, die sie zuvor nach ihrem Sturz am Gehsteig nach oben gezogen hatte, riss sie nun heftig nach unten. “Schneller, du musst wirklich schneller werden.” Der Tonfall der Frau war ernst, die Situation war angespannt, so viel war klar.

Der Regen wurde immer heftiger. Sie lag flach auf dem Bauch, die Arme nach vorne unter dem Kopf verschränkt. Zwei Zentimeter entfernt vom Abgrund, zwei Zentimeter entfernt vom Kanal und seinem schwarzen, stillen Wasser. Neben ihr lag die fremde Frau in gleicher Position, ihre Schultern stießen leicht aneinander. “Puh. Das war knapp. Das war wirklich knapp.” Sie drehte ihren Kopf zur Seite und blickte der Frau in die Augen. Jetzt, zum ersten Mal hatte sie Gelegenheit ihr in die Augen zu sehen. Die Frau hatte sehr hübsche Augen und eine coole, wenngleich eigenartige Frisur. Woran du jetzt wieder denken musst, dachte sie.

Sie wollte irgendetwas sagen, eigentlich wollte sie endlich irgendetwas fragen, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie ohnehin schon alles wusste. “Ich mag dich. Du bist ziemlich langsam, aber ich mag dich.” Der Kopf der jungen Frau rückte ein Stückchen näher an ihren heran. Dann streichelte eine Hand über ihr Gesicht. “Ich bin froh, dass wir es beide geschafft haben.” Die Frau sprach jetzt sehr sanft und leise. Ihr Kopf rückte noch etwas näher heran, und dann noch ein bisschen näher, bis sich ihre Nasenspitzen berührten. “Sag, wenn du soweit bist.”

I kiss you, you’re beautiful, I want you to walk

Erdbeertorte und Kaffee

Warpaint – Beetles

Ich kann dich hier einsperren, oder du kommst wieder mit rauf. Ich kann dir das jetzt erlauben, oder ich kann mich mal durchsetzen. Ich kann ein Bier bestellen oder ein Glas Wein. Sie kritzelte die Sätze auf eine mit Tortenresten verklebte, gelbe Serviette. Ich kann den Schlüssel verschlucken, oder du lässt jetzt die Leine los. Ich kann dir das jetzt glauben, oder ich kann mal aufhören mich selbst zu belügen. Ich kann kein Brot essen und keine Suppe. Sie drehte die Serviette um, kratzte die Tortenreste ab, dann schrieb sie weiter. Das Leben ist kein Kindergeburtstag – though sometimes maybe it is.

“Ist hier noch frei?” Ja klar, jetzt quatschte sie also auch noch irgend so ein Typ an. Der Tag war schon schlimm genug, eigentlich. Da machte das dann auch nichts mehr, von irgend so einem Typen angequatscht zu werden, eigentlich. Na also bitte, soll er sich halt da hinsetzen. Sie blickte kurz von ihrer Serviettenkritzelei auf und nickte. “Danke.” Ja du mich auch, dachte sie.

Ich kann mit dir in den Park gehen, oder du bringst das nächste Mal dein Fahrrad mit. Ich kann einen Spagat machen, oder du stellst dich auf den Kopf. Ich kann… Ach shit, sie griff sich an den Kopf. Etwas hatte sich in ihren Haaren verheddert. Wieso immer bei mir? Wieso landen die immer bei mir? Jetzt fing das also wieder an. Sie wollte durch den Raum brüllen, sie wollte jemanden beschimpfen, sie wollte aufspringen und hinaus laufen. Aber nein, das konnte sie natürlich nicht. Tatsächlich hätte sie gekonnt, aber sie durfte nicht. Gut, dann bist du also wieder still. Ist ja auch egal, eigentlich. Sie zupfte weiter in ihren Haaren. Schließlich holte sie den kleinen Papierflieger, der sich darin verfangen hatte, heraus, faltete ihn auseinander, strich das Papier glatt und begann darauf weiterzuschreiben. Ich kann mich nicht im Spiegel anschauen, oder ich kann mich nicht durch ein Kanalgitter zwängen. Ich…

“Das hat jetzt lustig ausgesehen.” What the fuck. Der Typ konnte also nicht einfach an ihrem Tisch sitzen, nein, er musste auch noch ungefragt sein blödes Maul aufreißen. Sorry?! Sie riss ihren Kopf mit den Papierflieger-zerzausten Haaren hoch und starrte ihm in die Augen. Sie schob das Kinn nach vorne und starrte ihn an. Sie sagte kein Wort. “Tut mir leid. Tut mir echt leid.” Er versuchte ernst zu wirken, aber um seinen Mund zuckte ein angestrengt unterdrücktes Lachen.

Ihre Nerven lagen blank. Solche Nachmittage sollten allen eine Freude bereiten, aber in Wahrheit waren sie die Hölle. Zu viele Menschen in einem Raum, dachte sie, zu laut, zu grell. Aber sie musste herkommen, sie hatte eine Verpflichtung, sie hatte sich selbst die Verpflichtung auferlegt, sich an diesen Nachmittagen zu erfreuen. Denn das war schließlich die Idee, das war der Zweck, der Sinn sogar! Freu dich jetzt, freu dich jetzt, verdammt nochmal, freu dich, dass du heute hier sitzen kannst! Sie bemerkte nicht, dass sie sich selbst mit dem roten Filzstift auf den Arm schlug. “Alles ok?” Der Typ konnte einfach nicht die Fresse halten. Sie griff nach links über den Tisch, zog einen großen Teller mit Erdbeertortenstücken an sich heran, ballte ihre rechte Hand zur Faust und: Yeah. Mitten in den Scheiß hinein. Die Tortenstücke flogen quer in alle Richtungen, ein paar Cremefüllung-Spritzer knallten ihr direkt in die Augen. Es fühlte sich so gut an. Mehr, mehr, mehr, dachte sie. Dann griff sie zu der voll geschriebenen, gelben Serviette und tupfte sich das Gesicht ab.

“Welche sind deine?” Der Typ neben ihr schien von ihrem Kuchenmassaker völlig unbeeindruckt. Das regte sie auf. Wie konnte er jetzt von etwas völlig anderem reden, wieso fragte er sie überhaupt nicht danach, was gerade passiert war? Sie starrte ihn wieder an. Sie sagte wieder nichts, deutete mit dem Kopf auf die andere Seite des Raumes, dann murmelte sie: “Nur einer.” Er blickte in die angedeutete Richtung, nickte und drehte sich ein Stück nach hinten um. “Zwei.” Das schien ihm jetzt ein wenig unangenehm zu sein. Seltsam, dachte sie, sehr seltsam.

Seltsam auch, dass sie plötzlich Lust verspürte, mit ihm zu reden. Das war eigentlich nicht ihre Art und heute, an diesem bunt gemischten Nachmittag, da war das schon gar nicht ihre Art. Eigentlich. Wieso eigentlich nicht? Sie überlegte, wie sie das spärliche Gespräch mit ihm fortsetzen könnte. Wie so oft fiel ihr nichts ein. Also gut, aber starren, starren geht. Sie richtete sich auf, nahm eine Hand voll Erdbeertortenreste, stopfte sie sich in den Mund und rückte näher an ihn heran. Gut so, das klappt, dachte sie. Er starrte zurück.

Ich kann dich jetzt für immer so anstarren, oder ich kann dich jetzt für immer so anstarren, dachte sie. Sie war so unfassbar glücklich. Das war jetzt mal richtig gut, fast so gut wie die Erdbeertorte, deren Reste noch immer ihren Mund verklebten. Das darf nie mehr aufhören, das muss jetzt so bleiben. Wir gehen hier nicht mehr raus. Sie starrte und starrte ihn an. Ihr Typ, also ihr Typ war er ja eigentlich nicht. Aber das war jetzt schon ein anderes Level, das war mal richtig gut. Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte sie.

Von der anderen Seite des Raumes näherten sich Schritte. Sie wollte sich nicht umdrehen, sie wollte die Schritte verdrängen. Sie strengte sich unglaublich an, die immer näher kommenden Schritte zu verdrängen. Wie lange noch, wie lange noch, wie lange noch? Ihr wurde heiß. Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte sie. Starr, starr, starr. “Es ist schon halb fünf. Gehen wir dann mal?” Aus. Es war vorbei. Ein Mann mit weißer Hose und weißem Shirt stellte sich neben sie, strich ihr behutsam über die Schulter und sagte: “Happy Hour. Dein Cocktail wartet.” Sie verzog den Mund zu einem zynischen Lächeln und erhob sich. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Jeans übersät war mit kleinen weißen Cremefüllung-Spritzern. Polka Dots sind wieder in, dachte sie.

“MMmmhh. Ciao.” Er sagte es mehr als Frage. “MMmmhh Ciao?” Sie starrte bloß weiter, während der weiß gekleidete Mann neben ihr noch einmal auf die Uhrzeit verwies. Sie hätte so gerne etwas wirklich Phenomänales gesagt, etwas Episches, etwas, das man am Ende von guten Filmen so sieht. Aber ne. Nichts. Ein starres Nicken noch zum Abschluss, dann setzte sie sich langsam, geradezu in Zeitlupe, in Bewegung. In Richtung Ausgang. Was für ein Witz. Sie nannten es Ausgang, dabei fing dahinter erst alles richtig an. Da war man dann erst drin.

“Hey!” Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. “Was bist du?” Er verdrehte kurz die Augen und rief: “Stufe zwei.” Sie lächelte. “Cool. Ich auch.”

Oh my God I’m mad at it

Mit Verspätung

Chromatics – Blue Moon

Ok, eine Zigarette noch, das geht sich noch aus, bevor der Zug kommt. Abfahrt um 18:12 Uhr. Sie war eigentlich immer viel zu früh dran beim Verreisen. Das galt natürlich auch für das Zurückreisen von Reisen. Immer viel zu früh. Bloß nicht den Zug oder das Flugzeug verpassen. Als ob sie jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen wäre, einen Zug oder ein Flugzeug zu verpassen! Da lief sie schon eher gegen eine Wand, weil sie mal wieder den Kopf über das Smartphone gesenkt hatte und noch eine wichtige Nachricht an jemanden verschicken musste. An jemanden. Das waren im Grunde nicht sehr viele. Sie kannte zwar einige, aber am Ende war sie doch häufig allein, manchmal gern allein. So allein stand sie auch jetzt auf dem Bahnsteig, kurz bevor der Zug einfahren sollte – die Zigarette in der rechten, die kleine, voll gestopfte schwarze Tasche in der linken Hand.

18:11 Uhr und keine Spur von einem einfahrenden Zug. Was sagt die Anzeige? Die Anzeige sagte nichts Außergewöhnliches. Tatsächlich sagte die Anzeige nicht nur nichts Außergewöhnliches, die Anzeige sagte gar nichts. Das lag zum einen daran, dass die Anzeige überhaupt nicht sprechen konnte, weil sie nur eine Anzeige war, aufgehängt auf einem windigen, winterlichen Bahnsteig. Zum anderen lag das daran, dass die Informationspolitik im Hinblick auf verspätete Zugabfahrtszeiten wieder einmal zu versagen schien. Inzwischen müsste der doch längst da sein, dachte sie. Und Recht hatte sie.

Eine Durchsage? Am Bahnsteig knackte und krachte es kurz aus den Lautsprechern, ein Hinweis: Es folgte eine Durchsage. Die konnte im Gegensatz zur sprachlosen Anzeige nun tatsächlich etwas sagen. Der Zug hatte also zehn Minuten Verspätung. Na gut, dachte sie. Sie war zwar relativ müde, aber na gut, zehn Minuten sagten sie. Das hieß, der Zug würde dann in etwa 20 Minuten da sein. Na gut.

Dass es im Winter immer so früh dunkel wurde, störte sie eigentlich nicht. Sie mochte dunkel. Das Problem daran waren vielmehr die Temperaturen. Das Problem am winterlichen Bahnsteigwarten waren die zu niedrigen Temperaturen. Es war schlichtweg kalt. Sie mochte kalt nicht. Sie zupfte an den Ärmeln ihrer Winterjacke – viel zu dünn, wie die Mama immer sagte. Kein Wunder, dass du immer frierst. Ja Mama, ist schon gut, dachte sie, als sie da allein am Bahnsteig stand.

Das Wochenende war eigentlich sehr schön gewesen. Sie hatte das Wochenende mit Menschen verbracht, die zu jenen zählten, denen sie regelmäßig noch eine wichtige Nachricht schicken musste. So eine Gegen-die-Wand-lauf-Nachricht. Das Wochenende war aber eigentlich auch nicht so schön gewesen. Denn mit ihren Erwartungen war sie natürlich wieder gegen eine Wand gelaufen, gegen die sprichwörtliche diesmal. Warum nur musste sie immer diese Erwartungen mit ins Gepäck nehmen? Warum nicht einfach mal nur so? Mal nur so da hinfahren, ohne alles.

Ich werde dir sagen, warum du immer so unglücklich bist. Weil du zu viel erwartest an den falschen Stellen und gleichzeitig erwartest du zu wenig an den richtigen. Das hatte ihr jemand schon häufiger gesagt, auch an diesem Wochenende hatte ihr jemand das gesagt. Sie hielt sehr viel davon, was jemand ihr sagte. Sie hatte es sehr ernst genommen, sie hatte versucht, sich selbst davon zu überzeugen. In diesem Fall. In den meisten anderen Fällen war ihr das scheißegal. 18:22 Uhr. Der Zug fuhr natürlich noch immer nicht ein. Noch zehn Minuten, dachte sie.

In ihrem Magen bildeten sich langsam kleine Knoten. Sie konnte es richtig spüren, während sie da so allein am Bahnsteig stand. Wäre da ein Fenster gewesen zum Reinschauen in ihren Magen, sie hätte vielleicht sogar ein Foto davon gemacht. Sie hätte ein Foto machen können von den kleinen Knoten, die sich in ihrem Magen bildeten, weil das Wochenende eigentlich ganz schön aber auch unter den Erwartungen geblieben war. Im Anschluss daran hätte sie das Foto dann bei Instagram hochladen können. Dazu wäre ihr bestimmt eine schöne Zeile eingefallen: “all my little knots” oder “some knots are bigger than others”. So etwas in der Art halt. Irgendjemand hätte das schon geliked. Langsam wurde ihr richtig schlecht. Vielleicht hatte auch das Warten damit zu tun, nicht nur die unangenehme End-Wochenende-Reflexion.

Hauptsache niemand merkt etwas, dachte sie. Hauptsache niemand hatte etwas davon bemerkt, wie unfassbar enttäuscht sie ihre kleine schwarze Tasche vor der Abreise wieder voll gestopft hatte. Bloß nichts vergessen, hatte sie dabei gedacht. Als ob sie jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen wäre, etwas zu vergessen! Da vergaß sie sich schon eher selbst, weil diese Informationspolitik im Hinblick auf verspätete Züge wieder einmal nicht zu funktionieren schien.

18:32 Uhr. Die Anzeigentafel war inzwischen nur noch schwarz. Das Licht auf dem Bahnsteig war spärlich, das war der einzige Trost. Die Dunkelheit machte ihr das Warten erträglicher. Wären da bloß nicht diese Knoten gewesen, die sich mit rasender Geschwindigkeit in ihrem Magen ausbreiteten. Hoffentlich hat wirklich niemand etwas bemerkt, dachte sie und versuchte sich daran zu erinnern, was jemand ihr gesagt hatte. Jemand hatte gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen, es hätte schon niemand etwas bemerkt.

18:41 Uhr. Es knackte und krachte in den Lautsprechern. Eine Durchsage: Zug fährt ein. Sie dachte an niemand und sie dachte an jemand. Sie mochte sie beide. Sie ließ beide hier zurück, im Wissen, dass sie bald wieder kommen würde. Dann würde sie wieder auf einem Bahnsteig stehen und auf den Zug warten mit ihren Erwartungen, die dann noch nicht enttäuscht worden waren.

You knew just what I was there for