Einliefern, ausliefern

Blur – Ambulance

“Du denkst zu viel nach. Du zerdenkst immer alles. Du kannst die Dinge einfach nie einfach mal gut sein lassen. Du machst dir doch damit nur selbst das Leben schwer.” Der Papa schob sein Bier zur Seite und streckte die Hand über den Tisch zu ihr aus. “Schau, ich will doch nur, dass es dir gut geht. Die Mama und ich, wir wollten doch immer nur dein Bestes. Wir sagen dir das alles doch nicht, um dich zu kritisieren. Wir wollen dir doch nur helfen.” Er streckte die Hand noch ein bisschen weiter aus. Seine Nase sah etwas angeschwollen aus, ganz anders als sonst, denn sonst war seine Nase eigentlich ganz zierlich. Seine Augen waren ein bisschen gerötet von dem vielen Rauch in dem Landgasthaus im hintersten Winkel der Steiermark. Na gut, hinterster Winkel ist wohl immer eine Frage der Perspektive, aber zumindest aus ihrer Perspektive stimmte hinterster Winkel wohl.

“Ich reflektiere eben. Seit wann ist das ein Verbrechen? Seit wann ist das schlecht, dass man über sich selbst nachdenkt? Mir persönlich ist das wichtig. Dann ist mein Leben eben schwer, aber wenigstens bin ich nicht so ein stumpfer Trottel, wie die da draußen”, sie würgte den letzten Bissen Semmelknödel hinunter und zeigte durch das Hinterzimmer des Landgasthauses im hintersten Winkel der Steiermark in Richtung Theke. Da standen sie. Diese Wutbürger, von denen man zuletzt immer wieder mal was auf Facebook zu lesen bekam. Da standen sie mit ihren hochroten besoffenen Schädeln und gaben den anderen die Schuld: Den Studenten, den Politikern, der Lügenpresse und den Ausländern. “Ich hab eben gelernt, dass ich erstmal mich selbst hinterfragen muss. Wenn mich das zum Heulen bringt, so what?! Ich kann damit leben, euch scheint das ja total zu stören. Lasst mich halt heulen. Und wenn ich hier heule, wen juckts? Kennt mich doch eh keiner. Und dabei wärs sogar schöner, würde mich jemand kennen. Ich will ja nur zu gern, dass die alle wissen, wie ich heulen kann.” Sie schob den leeren Teller von sich und blieb weiterhin auf Distanz zur weiterhin ausgestreckten Papahand.

“Es sagt doch niemand, dass du nicht weinen darfst. Es sagt doch auch niemand, dass du nicht über dich nachdenken sollst. Aber du zerfleischst dich doch selbst. Immer sagst du, du kannst nicht glücklich sein. Vielleicht hat das halt auch damit zu tun, wie du immer alles zerdenken musst.” Der Papa wagte sich ganz schön aus der Deckung. Er musste eigentlich wissen, wie viel Explosionspotenzial in seinen Worten lag und welche Eskalation er riskierte. Es musste das Bier sein, dass ihn hier gerade so enthemmte. Sie lehnte sich schmunzelnd zurück auf dem wackeligen alten Landgasthaussessel, der von einigen schlimmen Zigarettenbrandwunden gezeichnet war. “Ich lass dir das jetzt durchgehen, weil ich heute wirklich in guter Stimmung bin”, sagte sie und fing an, die weiß-grün gemusterte Tischdecke mit den Fingern nachzuzeichnen. Der Papa zog die Hand zurück. “Gut, wie du meinst.” Der Papa schob die Hand wieder ein Stück nach vorne. “Ich frag mich, wie lange die Mama noch am Friedhof braucht. Vielleicht geh ich mal nachschauen, wo sie bleibt.” Der Papa zog die Hand wieder zurück.

Ein bisschen schien die Stimmung doch gekippt zu sein, auch wenn das jetzt keiner so direkt aufgreifen wollte. Der Papa war jedenfalls nervös. Und sie war ein bisschen unrund innerlich, aber das Lächeln blieb. Das vorgeschobene Lächeln, das sie sich angewöhnt hatte, um unangenehme Situationen zumindest scheinbar zu entschärfen, das blieb vorerst noch auf ihrem Gesicht kleben. “Ich glaub, die findet selber zurück”, sagte sie und bereute es im selben Moment schon wieder. Da kam sie durch die schlechte Stimmung, der zynische Unterton, der angestaute Ärger. “Geh komm, bestellen wir halt noch ein Bier inzwischen”, sie presste die Mundwinkel noch ein bisschen stärker nach oben und schaute den Papa versöhnlich an. Und dem reichte das auch. Dem reichte wirklich schnell was. Das musste sie zugeben, er war nicht nachtragend und er war bestimmt nicht darauf aus, sich mit ihr zu zerkrachen. Er nickte dem Kellner zu und deutete auf die zwei Gläser am Tisch.

Sieben Jahre war es nun her, dass die Oma gestorben war. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, als damals der Anruf gekommen war von der Mama: “Du, es ist vorbei. Wir müssen in die Steiermark fahren.” Mehr hatte sie nicht gesagt, dann hatte es ein langes telefonisches Heulen gegeben, ein ganz tiefes aus dem Innersten, von der Mama, von ihr. Abwechselnd und dann wieder gleichzeitig. Am Ende war ihr der Rotz bis in die Mundwinkel geronnen und sie hatte ihn einfach hinuntergeschluckt. Die Mama hatte gesagt: “Sie haben sie, so schnell es ging, eingeliefert. Aber es war keine Rettung mehr.” Dann war die Verbindung abgebrochen. Erst drei Tage später hatten sie wieder miteinander telefoniert.

“Mir ist ein bisschen schlecht, ich muss mal kurz aufs Klo.” Sie stand auf und ließ den Papa allein am Landgasthaustisch zurück. Schlecht war ihr wirklich, aber sie ging nicht wirklich aufs Klo. Sie ging hinaus in den Garten und versteckte sich hinter der Hausmauer. Dann zog sie ein kleines Täschchen aus der Jackentasche und nahm zwei Tabletten heraus, die sie mit einem kräftigen Spuckewürgen hinunterschluckte. Im Spuckewürgen war sie Profi, das hatte sie jahrelang geübt. Keine konnte so gut und so große Mengen an Tabletten ohne Flüssigkeitszugabe hinunterschlucken wie sie. Jedenfalls war ihr das nicht bekannt, dass das auch nur irgendjemand so super konnte. Skills, Skills, Skills. Du brauchst verdammte Skills, damit du durchkommst. Sie klopfte sich nervös mit den Handflächen gegen die Oberschenkel und dachte an das vergangene Wochenende. Es war wirklich eine schöne Unterbrechung gewesen. Wir unterbrechen diese Sendung für eine kurze Mitteilung: Sie haben ein Leben. Sie treffen einander leider nur viel zu selten. Sagen Sie öfter mal “Hallo” zu Ihrem Leben. Sie würgte noch ein paar Tabletten mit Spucke hinunter und ging wieder zurück ins Lokal.

“Papa, ich muss dir was sagen.” Sie setzte sich hin und nahm einen Schluck vom frischen Bier. “Ich hab was ziemlich Arges gemacht.” Der Papa schaute etwas hilflos und schwieg. Sie schaute hilflos zurück und wartete darauf, dass er nachfragte. Er fragte aber nicht nach. Sie schauten sich gegenseitig eine Weile hilflos an. Vielleicht war es auch nur ein kurzer Moment, der sich anfühlte wie eine Weile, aber jedenfalls hilflos in jeder Hinsicht. “Diese Typen da draußen gehen mir echt auf die Nerven. Allein beim Vorbeigehen hörst du hier so viel Nazischeiße wie man eigentlich in einem ganzen Leben nicht verkraften kann.” Offensichtlich musste sie sich mit einer Themenverfehlung jetzt doch noch etwas Zeit herausholen, bis sie ihr Geständnis ablegen konnte. “Was hat das jetzt mit dir zu tun?” Der Papa fand zurück zu seinem bierinduzierten Wagemut. “Eh nichts.” Sie klammerte sich an ihrem Glas fest und wusste selbst nicht so genau, wieso sie nicht einfach mit der Sprache herausrückte. So schlimm war das alles jetzt auch nicht. Oder doch? Sie fühlte sich irgendwie ausgeliefert. Bloßgestellt. Von sich selbst, obwohl sie noch gar nichts gesagt hatte. Vielleicht war sie doch zu voreilig gewesen, das Thema so offen anzugehen. Vielleicht war es gar nicht notwendig, dem Papa davon zu erzählen – direkt betroffen war er immerhin nicht. Die Mama auch nicht.

“Willst du mir jetzt was sagen oder nicht? Mir kommt vor, du denkst schon wieder zu viel nach.” Ja, er hatte auch irgendwie recht. Natürlich ging es in ihrem Kopf rund. Wann nicht.

“Ein Sturschädl bist. Dir ghört eine eini ghaut!” Von der Theke her drangen die liebevollen Klangwolken einer verzweifelten Ehefrau, die gerade versuchte, ihren Mann davon zu überzeugen, dass er sich mit seinem Auto nicht immer ins Halteverbot stellen sollte. Auch wenn er davon überzeugt war, dass ihm der Platz zustand, an dem er nun zum vierten Mal innerhalb eines Monats einen Strafzettel kassiert hatte. “Die sind ja eh witzig”, sagte sie und kam irgendwie einfach nicht mehr zu ihrem Thema zurück. “Langsam frag ich mich auch, wo die Mama bleibt.” Sie fand sich selbst so lächerlich. Was ging denn da bitte ab? Hatte sie jetzt Schiss, dem Papa die Wahrheit zu sagen? Das hatte es eigentlich noch nie gegeben. Sie nahm noch einen Schluck Bier. Das Bier war gut hier. Da gab es nichts.

“Mich macht das wahnsinnig. Ich will dir was sagen und ich schaffs einfach nicht.” Sie trat die Flucht nach vorne an. “Sags einfach.” Der Papa versuchte auch ein bisschen zu lächeln, allerdings kam seine Anspannung deutlich bei den Augen raus. “Ok. Also. Ich hab was Arges gemacht. Ich hab auf alles geschissen.” “Ich komm noch nicht ganz mit”, der Papa schien auf einmal wieder ganz entspannt zu sein. Das war jetzt auch irgendwie komisch. “Ich hab eigentlich das gemacht, was ihr mir immer nahelegt. Ich hab einfach nicht nachgedacht. Und dann ist es passiert.” “Was ist denn passiert?”

Sie zog wieder kleine Fingerlinien auf der Tischdecke. “Ich hab jemanden aufgegeben.” Sie hielt den Blick gesenkt auf den Tisch und sprach sehr leise. “Ich hab alle Notizen gelöscht, alle Fotos. Ich hab alle angefangenen Briefe weggeworfen, was ich sagen will: Auch die E-Mails. Alle Songs hab ich aus meinen Playlists entfernt. Ich hab die Geschenke weggeworfen! Alle. Ich hab mich vor den Spiegel gestellt und selbst angeschrien. Ich hab meine guten Vorsätze begraben, die mir ja eigentlich und schlussendlich überhaupt nichts gebracht haben. Ich wollte mich nicht mehr länger damit auseinandersetzen. Ich wollte es auf einmal nicht mehr wissen, ich wollte einfach keine Chancen mehr geben, keine Möglichkeiten mehr einbilden. Es war mir auf einmal egal. Ich hab mir gedacht: Jetzt ist der Moment. Es hat schon viel zu lange gedauert. Wenn du es jetzt nicht tust, tust du es nie. Ich hab die zwei alten Jacken zerschnitten und in den Müll getan. Die Mama hat mir ja einmal gesagt: Schneid dir doch einfach die Haare, wenns dir zu viel wird. Dann hab ich mir die Haare schneiden lassen und es hat halt auch nur kurz geholfen. Diesmal dachte ich mir: Was soll noch kommen? Worauf soll ich noch warten. Und dann hab ich das einfach gemacht.”

Der Papa streckte die Hand aus und legte sie auf ihre Tischdeckenmuster-kreisenden Finger. Er schwieg und sie schwieg. Am Nebentisch schossen zwei Pubertierende Dauerselfies von sich und sangen einen scheußlichen Dorfdisco-Song nach, irgendwas mit Bologna und Amore. Die Theken-Wutbürger erzählten sich schlechte Witze über Blondinen und in der Eingangstür des Hinterzimmers stand die Mama. Es war ein schöner Moment.

No, I ain’t got nothing to be scared of

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