Direkte Rede

Perfume Genius – All Waters

Erinnerst du dich noch daran, als wir damals über das Schreiben schrieben? Ich glaube, es war 2008. Vielleicht war es auch schon früher. Meine Erinnerungen sind manchmal nicht mehr so gut, schon noch in Ordnung, aber nicht mehr ganz so gut halt. Meine Erinnerungen sind so wie eine vor zwei Tagen geöffnete Packung Chips, schon noch in Ordnung, aber nicht mehr ganz so gut halt. Wir hatten uns über Thomas Bernhard unterhalten und über seinen Stil. Die Wiederholung. Die Schachtelsätze. Erinnerst du dich noch daran, als wir uns damals sagten, wir müssten aufpassen, dass wir nicht zu sehr wie Bernhard klingen? Ich glaube, es war 2002. Vielleicht war es auch schon früher.

Sie legte den Stift zur Seite und lehnte sich zurück. Wie lange hatte sie das nicht mehr gemacht? Auf einer Parkbank sitzen und in ein Notizbuch schreiben, auf echtes Papier. Papier tötet Bäume! Sie malte die drei Worte in dicken schwarzen Druckbuchstaben auf eine unbeschriebene Seite. Dann riss sie das Blatt heraus.

Erinnerst du dich noch daran, als wir uns damals über das Reden unterhielten? Ich glaube, es war 2006. Es war definitiv 2006. Wir erinnern uns nur daran, woran wir uns erinnern wollen. Den Rest löschen wir aus. Ich erinnere mich nicht mehr daran! Was für eine Lüge, was für ein Selbstbetrug. Und doch unabsichtlich. Es ist schwer, eine Unterhaltung zu schreiben, sagtest du. Weißt du noch? Du weißt doch alles immer so genau. Aber wie man eine Unterhaltung schreiben sollte, das wusstest du nie. Bernhard war kein Freund von Landschaftsbeschreibungen, vergeudete Zeit, vergeudete Seiten, vergeudetes Papier. Ich hatte dir davon erzählt, erinnerst du dich? Wir hatten darüber geredet, damals in deinem Zimmer mit den Polaroids an der Wand. Schwarz-weiß. Die Straßen waren bedeckt mit Blumen und der Kanal suchte sich lautlos seinen Weg, schnitt die Stadt in zwei ungleiche Teile. Streich diesen Teil, hattest du gesagt. Lösch ihn aus. Die Gärtner sind immer die Guten.

Die Sonne blinzelte zwischen den Wolken hindurch, sie setzte sich ihre Ray Bans auf und legte das Notizbuch zur Seite. Unter ihren Füßen sammelte sich altes Laub vom vorigen Jahr. Ein Frühling, der sich wie ein Herbst anfühlt, dachte sie. Auf Jahreszeiten kann ich gerne verzichten, genauso wie auf Wind. Aber das Wetter kann man sich eben nicht aussuchen, nur ob man sich darüber beschwert oder eben nicht. Sie schlug mit dem Stift taktvoll auf das Notizbuch ein.

Du wirst diese Zeilen niemals lesen. Ich hätte dir gleich richtig schreiben sollen. Weißt du noch, als wir darüber nachdachten, wie wir unsere Gedanken aufzeichnen könnten? Ich will nicht darüber sprechen. Das hast du gesagt. Stimmt doch gar nicht, stimmt wohl. Na was jetzt? So hatten wir unsere Gedanken zerlegt, ist dir das im Gedächtnis geblieben? Du bist nicht mal eine richtige Person. Du bist bloß meine Idee von jemandem, den ich gerne einmal geliebt hätte. Inzwischen bist du mir egal. Aber meine Idee habe ich behalten, sie war schließlich immer meine Idee und nicht deine. Alles, was dir gehörte, habe ich dir längst zurückgegeben. Inzwischen war es dir egal.

Es war kalt. Zu kalt für Frühling, kalt genug, um sich darüber zu beschweren. Sie dachte oft darüber nach, über Kälte und wie sehr sie die Kälte hasste. Aber davon wird man nicht krank. Krank wird man von der unerträglichen Banalität der eigenen Worte. Sie setzte ihre Sonnenbrille wieder ab.

Hast du noch diesen Brief, in dem ich dir damals von meinen sinnlosen Geschichten erzählte? Hast du noch dieses Foto, auf dem wir damals mit unseren sinnlosen Notizen posierten? Schwarz-Weiß. Keine Malerei. Ich mochte deine Haut und ich mochte deine Frisur und ich mochte deine Art, wenn dir plötzlich Dinge peinlich waren. Hast du das gewusst? Meine Lieblingsfarbe ist keine. Wie sinnlos waren die Zeilen, die wir uns gegenseitig auf die Unterarme gekritzelt hatten. Wenn du das runter wäschst, rede ich nie wieder ein Wort mit dir! Ja, das schaue ich mir an. Und wie du geschaut hast. Es ist mein Geheimnis bis heute.

Eine ältere Frau näherte sich der Parkbank, auf der sie saß. Bitte nicht, bitte nicht, dachte sie. Ach scheiße, was bist du für ein asoziales Miststück. Sie schaute nach oben in den Himmel. Natur gibt mir rein gar nichts, dachte sie. Aber schön, dass wir uns wieder einmal getroffen haben. Naturgemäß. Sie schrieb das Wort in fetten schwarzen Buchstaben auf ihren linken Unterarm. Wie damals. Wie kindisch. Wie bescheuert muss man sein, erwachsen sein zu wollen? Erwachsen und nett. Konnte es schlimmere Schimpfworte geben? “Klar, hier ist noch frei.” Die Frau setzte sich auf die Parkbank. “Wie nett von Ihnen, danke.”

Das ist alles nur Attitüde, du bist gar nicht so. Das ist alles nur ein Schutzmechanismus, du bist gar nicht so. Das ist alles nur Übung, das ist gar nicht so schwer. Das galt für uns beide, du weißt das noch. Und ich, ich weiß gar nicht mehr, wie du aussiehst. Wir sehen uns jeden Tag, aber so, wie du damals für mich ausgesehen hast, so kann ich dich einfach nicht mehr erkennen. Schwarz-weiß. Auf den Polaroids bist du. Ich wünschte, wir wären irgendwann gemeinsam zu sehen gewesen. Irgendwann, hatte ich dir damals geschrieben, irgendwann. Heute weiß ich nicht mehr, wann wir uns verpasst haben. 2011?

Ich mochte deine Stimme, ich mochte das Kratzen, wenn du in den hohen Lagen singen musstest. Wie unfassbar schlecht das alles war und wie unfassbar schön. Über Musik reden wir ein anderes mal, hattest du gesagt, damals in deinem kleinen Zimmer mit der kaputten Lampe an der Wand. Kannst du dir eigentlich noch selbst zuhören? Jede Lüge ist echter als die Wahrheit. Darauf hatten wir uns geeinigt. Das gilt. Das gilt immer noch. Irgendwann, irgendwann werde ich dich wiedersehen. Nicht jeden Tag, an dem wir uns treffen, aber an dem Tag, an dem ich gehe. Dann werde ich dir eine Bloody Mary hinstellen mit Sellerie. Sellerie, das ist Gemüse. Und die Gärtner sind immer die Guten.

Sie steckte das Notizbuch in ihre Tasche, stand auf und ging.

with no hesitating 

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