Tapetentüren

Lower Dens – Brains

Ein lauter Knall, ein freier Fall, ein harter Aufprall. Ihre Muskeln zuckten, sie versuchte sich zu orientieren, blickte links, rechts, links, rechts, nach oben, nach unten, und noch einmal von vorne. Links, rechts. Es war dunkel, der Boden roch nach altem Holz. Sie presste das Gesicht ganz fest auf den Untergrund und atmete die modrige Luft ein, die aus den kleinen Ritzen herausströmte – warm und vertraut. Tief einatmen, tief ausatmen. Auf allen Vieren kroch sie in Lauerstellung nach vorne, langsam, behutsam, geräuschlos. Hinter ihren Augen zuckten kleine Stromstöße, die salzige Tränen auf ihre Wangen hinaustrieben. Noch ein paar Meter, dann hatte sie es geschafft, geradeaus, da vorne blitzte das rettende Licht durch einen Spalt unter der Tür hindurch. Nur noch ein bisschen, ein bisschen noch. Sie drehte den Kopf, links, rechts, links. Jetzt gleich, hier, nur noch einmal bewegen.

Sie griff nach vorne in die Dunkelheit, versuchte sich an der Tür aufzurichten, suchte nach dem Knauf, der irgendwo im Verborgenen auf sie wartete. Auf sie warten musste. Sie griff ins Leere, wieder und wieder und wieder. Ihre Hände rutschten an der glatten Wand ab. Das Licht unter dem Türspalt war verschwunden.

“Kommst du nicht zu uns heraus?” Eine Stimme drang von der anderen Seite in das Zimmer. Sie lehnte den Kopf gegen die Wand, drückte ihr Ohr fest dagegen und flüsterte: “Ich komme gleich, ich komme, ich muss nur noch die Tür finden. Wartet auf mich.” “Kommst du nicht zu uns heraus?” Dieselbe Stimme fragte noch einmal, lauter und fordernder, so als hätte sie darauf noch gar nicht geantwortet. “Gleich, gleich, wartet auf mich.” Sie sank zurück zu Boden, nahm ihre Lauerstellung wieder ein und kroch weiter auf allen Vieren der Wand entlang.

“There’s a crack up in the ceiling and the kitchen sink is leaking…” Sie summte leise vor sich hin, während sie den dunklen Raum weiter nach der Tür durchsuchte. “We are strictly second class, we don’t understand. Dead end!” Ihre Stimme wurde lauter. “Dead end street, dead end street. Yeah.” Sie brüllte mit ganzer Kraft durch das Zimmer. Wie ein kleiner flinker Hamster in einem Labyrinth durchkämmte sie den quadratischen Raum, stieß mit dem Kopf immer wieder gegen die Wände, erblickte den rettenden Lichtstrahl, der unter dem Türspalt hindurch schimmerte, näher, näher, noch näher und wieder: nichts. “Wir müssen weiter, wir müssen weiter, Deborah!” Sie wollte zurückrufen nach draußen, sie wollte rufen: “Aber ja doch, ich bin doch schon auf dem Weg, ich bin gleich da!” Aber ihre Stimme versagte, sie konnte keinen Ton mehr aus ihrem trockenen Hals bringen. Wer war Deborah? Oh do you recall, your house was very small with woodchip on the wall. Sie malte die Worte mit dem Finger in die tiefschwarze Luft, die sie gefangen hielt, die ihr den Weg versperrte zu der Tür. Der Tür, die nach draußen führte zu den anderen. Sie werden ohne mich weitermachen, ohne mich, dachte sie, sie brauchen mich nicht mehr.

Ihr Herz pochte, von ihrer Stirn tropfte der Schweiß. Erschöpft hielt sie inne und rollte sich auf den Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt. Sie musste an Kafkas Verwandlung denken, wie gelähmt lag sie da auf dem Boden. Waren ihr Fühler an der Stirn gewachsen? Sie fasste sich voller Panik mit beiden Händen an den Kopf. Nein, was für ein Unsinn, natürlich nicht. Aber was war das? Von ihren Fingern tropfte dicker, stinkender Schlamm, Erde, Gras, es roch nach Kot und frischen Regenwürmern. Sie rollte sich mit aller Kraft wieder zurück auf den Bauch, kniete sich hin, versuchte die schmutzigen Hände an ihrem Pullover abzuwischen. Sie griff ins Leere, wieder und wieder und wieder.

Ihre Hände griffen durch sie selbst hindurch als wäre sie gar nicht hier, als wäre ihr Körper gar nicht existent. Bin ich tot? Wo bin ich? Sie spürte eine gewaltige Panikattacke aus verschiedenen Richtungen in ihrem offenbar nicht mehr vorhandenen Körper heraufziehen. Sie wollte schreien. Hilfe, Hilfe, wartet auf mich! Wo zum Teufel ist die Tür?! Sie brüllte es nur in Gedanken, sie hatte keine Stimme. Wo kein Körper ist, da ist auch keine Stimme, dachte sie.

“Du darfst jetzt nicht aufgeben, Deborah!” Sie waren noch da, sie warteten noch, sie warteten noch immer auf sie. Was für eine Erleichterung. Aber wer war Deborah? “Wer ist Deborah?” Leise und heiser krochen die Worte aus ihrem Mund. “Wer ist Deborah?” Sie wiederholte die Frage wieder und wieder und wieder. Niemand antwortete. Der Boden unter ihren Knien wurde immer weicher, der Geruch von altem Holz war vollkommen jenem von Schlamm und Erde gewichen. Ihre Hände gruben sich tief in den feuchten Boden, während sie weiter durch die Dunkelheit kroch, angezogen von dem kleinen Lichtstrahl, der unter der Tür durchblitzte.

Ein lauter Knall, ein freier Fall, ein harter Aufprall. Ihre Arme ruderten wie wild im dunklen kalten Wasser, ihre Lungenflügel versagten, sie rang nach Luft. Nach oben, nach oben, ich muss nach oben. Sie streckte den Kopf, sie strampelte mit den Beinen und streckte den Kopf und ruderte mit den Armen, um sie herum war Stille und stilles dunkles Wasser. Sie wollte um Hilfe schreien, aber sie erstickte an ihren eigenen Worten, während kleine Bläschen aus ihrer Nase in das Wasser hinaus aufstiegen. Sie werden es schaffen, die Bläschen werden es schaffen, aber ich nicht, dachte sie und strampelte und ruderte nach allen Seiten hin.

Das wars. Das ist das Ende. Dead end street. Dead end street. In ihrem Kopf war kein Platz mehr für einen klaren Gedanken, alles war bis zum Rand hin angefüllt mit Wasser. Ihre Kräfte versagten und ihre Bewegungen wurden schwächer und immer schwächer. “Du darfst jetzt nicht aufgeben, Deborah!” Eine gedämpfte Frauenstimme drang an ihr Ohr, weit weg, so weit weg, immer weiter weg. “Deborah.” Wer war Deborah?

Ein Knall. Ein lautes Klatschen. Eine kalte, flache Hand schlug ihr ins Gesicht. “Hey, hey, hey. Hörst du mich?” Ja, sie hörte etwas. Sie hörte etwas. Sie war nicht tot. Aus ihrem Mund quoll dunkles stilles Wasser, vor ihren Augen flackerte das dumpfe Licht einer Straßenlaterne. Auf ihren durchnässten Köper prasselte warmer Regen. Unter ihrem Rücken quollen Schlamm und Gras hervor. Sie grub die Hände in den nassen Boden, während sie regungslos auf dem Rücken lag. Sie wollte etwas sagen, sie wollte Ja sagen, dann fiel ihr Blick auf ein Paar rote Doc Martens, die jemand neben ihrem Kopf abgestellt hatte. The owls are not what they seem. “Wer ist Deborah?”, fragte sie und malte die Worte mit dem linken Zeigefinger in die Luft.

Don’t be afraid, everything will change while you’re asleep

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