Löcher

Destroyer – Certain Things You Ought to Know

“Darfs für die Herrschaften noch was sein? Eine Melange vielleicht oder eins von unsern feinen Kucherln?” Der Kellner stand mit verzerrtem Lächeln am Tisch und machte keine Anstalten, so schnell wieder davon zu ziehen. “Für die Dame einen Espresso oder einen Irish Coffee? Die Sachertorte hamma ganz frisch heute.” Sie schüttelte den Kopf. “Oder ein Pfirsichlikör zur Verdauung?” Der Kellner verzerrte sein Lächeln noch ein bisschen mehr, noch ein bisschen breiter, noch ein bisschen unglaubwürdiger. Sie schüttelte wieder den Kopf, schaute hilflos in die Runde. Keiner ihrer Freunde reagierte. Der Kellner blieb am Tisch stehen und lächelte. Nach ein paar Sekunden beugte er sich langsam nach vorne und schob ein paar Gläser am Tisch hin und her. Mitnehmen wollte er sie offenbar nicht. “Wenns wollen, könnens auch vorne an der Vitrine was aussuchen. Vom Tagesangebot.” Sie schüttelte den Kopf, diesmal wild. Wie wild geworden schüttelte sie den Kopf. Ihre Freunde blieben weiterhin regungslos, niemand schien überhaupt von diesem Kellner Notiz zu nehmen.

“In die Goschn möcht ichs haun”, summte sie leise vor sich hin und senkte den Blick auf den vollgeräumten Tisch. Sie fixierte einen Brotkrümel mit beiliegendem Kürbiskern und nahm sich fest vor, nicht eher wieder nach oben zu sehen, bevor dieser aufdringliche Kellner den Rückzug antrat. Eine Hand sauste zwischen den Gläsern und Tassen und Tellern auf dem Tisch hin und her und schien nach etwas zu suchen. “Lass mir meinen Krümel, bitte nimm mir jetzt nicht den Krümel weg. Bitte, bitte, bitte”, flüsterte sie in ihren dicken schwarzen Wollschal hinein, den sie trotz gut geheiztem Raumklima seit Stunden nicht abgenommen hatte. “Wenns lieber noch was Deftiges möchten. Haben wir auch. Küche ist bis 24 Uhr.” Nein, nein, nein. Sei doch still, verschwinde, hau ab, hau einfach ab und lass uns in Ruhe. Die Hand suchte weiterhin auf der Tischplatte nach irgendetwas. Noch war der Brotkrümel in Sicherheit, noch konnte sie darauf starren, noch war nicht alles verloren. Noch war Zeit. Warum wollte niemand etwas unternehmen? Warum wollte niemand diesen Kellner fortjagen? Warum, warum, warum? Warum blieb alles immer an ihr hängen? Sie vergrub ihre Finger im Wollschal und begann halbe und ganze Kürbiskerne herauszuziehen. Ihr Blick blieb weiterhin fest an dem Krümel haften, der da wie durch ein Wunder das suchende Handgewische nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit überlebte. Er blieb einfach liegen. In all dem Chaos, er ließ sich nicht vertreiben. Er blieb einfach liegen.

Sie fühlte sich müde. Sie wollte die Augen schließen und ihn vergessen. Ihn. Den Kellner, den Krümel, den Kumpel, den Kerl. Er hatte ihr Hirn zerfressen, er hatte sich so tief hineingefressen, bis alles nur noch löchrig war, so löchrig wie ein Stück Käse. Käsekuchen. Ein Stück Käsekuchen. “Einmal Käsekuchen”, sagte sie und blickte vom Tisch auf, direkt in die Augen des Kellners. Sein Lächeln entkrampfte sich. Er nickte, drehte sich um und verschwand.

Sie schaute fragend in die Runde. Niemand schaute zurück. Sie saß allein am Tisch. Die braune Holzplatte war blank geputzt und glänzte im dumpfen Licht einer alten Stehlampe. In der Mitte stand ein Sektglas aus Kristall, darin steckte eine welke, rote Tulpe. Daneben: Salz und Pfeffer, eine kleine Speisekarte aus Pappkarton, eingeschweißt in Plastik.

“Wo sind denn alle hin?” Ein braungelockter Frauenkopf senkte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Wange. “Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, wo alle sind. Ich weiß nicht, was war. Ich weiß nicht, wer da war. Ich weiß nicht. Ich habe noch Kuchen bestellt”, sagte sie und versuchte, den Lockenangriff auf ihr Gesicht abzuwehren. “Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal.” “Was für einen Kuchen hast du denn bestellt?” Die Frau zeigte richtiggehend Interesse. “Käsekuchen.”

Sie schnaubte durch die Nasenlöcher. Irgendwie war das anstrengend, dieses Gespräch, es dauerte schon zu lange. “Käsekuchen, weil wegen den Löchern halt. Im Hirn, im Käse, im Kuchen, in der Nase. Es ist ja alles löchrig. Man weiß nicht, wie man die Löchern noch stopfen soll – im Budget. In den Socken. In der Erinnerung!” Sie sprang von ihrem Stuhl hoch und baute sich vor ihrer lockenkopfigen Gesprächspartnerin auf. “Ich weiß es doch auch nicht!”, schrie sie, fegte die in Plastik geschweißte Speisekarte vom Tisch und rannte in Richtung Ausgang.

Auf dem Weg nach draußen begegnete sie dem Kellner, er trug einen kleinen weißen Teller – darauf ein Stück Käsekuchen. Sie stoppte kurz, packte mit der ganzen Hand zu, riss ein Stück aus dem Stück, stopfte es sich eilig in den Mund und stürmte zur Tür hinaus in das vorabendliche Schwarz eines zu Ende gehenden Dezembertages.

“Was liest du denn da? Ist dir nicht kalt?” Die Stimme kam ihr bekannt vor. Sie wollte aber nicht von ihrer Lektüre aufschauen, also behielt sie den letzten Buchstaben in der Zeile im Blick und murmelte hastig: “Siehst du doch.”

Umso länger sie ihren Blick auf den letzten Buchstaben in der Zeile fixierte, desto weiter kam ihr der Abstand zum vorhergehenden vor. Mit jeder Sekunde wurde das Loch größer, es wuchs und wuchs sich aus zu einem Krater. Der Krater trennte den letzten Buchstaben in der Zeile von allen anderen Buchstaben, die zuvor noch ganz in seiner Nähe angesiedelt waren – rundherum, daneben, unten, oben. Der Platz wurde immer größer, dieser Platz, in dem das Nichts um sich griff und schon bald den ganzen Absatz zu sprengen drohte, zu zerreißen in einen tiefen Graben, der sich weiter fort fressen wollte in andere Gräben, ein dickes schwarzes Loch, das alle Buchstaben in sich aufsog.

“Ist das das neue Buch von Ingeborg Bachmann? Ist es gut?” Die Stimme neben ihr wollte es unbedingt wissen. “Jetzt pass mal auf du Vollidiot. Die Bachmann ist schon lange tot. Du siehst doch ganz genau, was ich hier lese!” “Ist dir nicht kalt?”, fragte die Stimme noch einmal, und zwar genau so, als hätte sie noch nie danach gefragt. “Die Bachmann ist schon lange tot. Das ist mein letztes Wort.” Sie stand von der Bank an der Bushaltestelle auf, lies ihr Buch zu Boden gleiten, bis es auf dem dunklen Boden verschwand und sich einfügte in das vorabendliche kalte Schwarz des Asphalts. “Ich muss zurück in das Kaffeehaus. Ich habe meine Jacke dort vergessen und ich habe meinen Kuchen nicht bezahlt”, flüsterte sie in ihren dicken Schal hinein und entfernte sich langsam von der Stimme, die immer wieder und immer wieder fragte: “Ist dir nicht kalt? Was liest du denn da? Was liest du denn da? Was liest du?” Die Worte wurden leiser, die Sätze lückenhafter. Bachmann. Tot. Kalt. Das neue. Kalt. Buch. Ist. Tot.

“Ah, das Fräulein!” Geh mir aus dem Weg Arschloch, dachte sie und sagte: “Ja entschuldigen Sie vielmals, ich habe vergessen zu bezahlen. Und meine Jacke habe ich auch liegenlassen. Wie viel macht es denn?” “Das Übliche, Madame, das Übliche.” Sie eilte in den hinteren Teil des Lokals zu dem Tisch, den sie zuvor so überstürzt verlassen hatte. Ihre braun gelockte Bekannte saß immer noch dort und blätterte gelangweilt in einem Magazin über Architektur der 1920er-Jahre. Wien. Es ging wohl um Wien darin. Wie es immer und überall um Wien ging, wenn man in Wien war.

“Es beginnt ein bisschen zu schneien”, sagte sie in Richtung ihrer Bekannten, während sie nach ihrer Jacke griff, die über der Stuhllehne hing. “Wisch dir den Mund ab, da sind ja überall Krümel dran”, entgegnete diese völlig unbeeindruckt ob der jahreszeitlichen Wetternachrichten. Sie wischte sich den Mund ab. Die eingetrockneten Kuchenreste zerbröselten zwischen ihren Fingern. “Was liest du denn da?”, fragte sie ihre Bekannte und schaute neugierig auf das Architekturmagazin. “Siehst du doch.” Ein Käsekuchenkrümel fiel auf das glänzende Papier und bohrte ein gelbliches Loch in das ungestörte Schwarz und Weiß der aufgeschlagenen Seite. Sie beugte sich noch ein bisschen mehr nach vorne, schüttelte ihre Finger, bis ein kleiner Bröselschneesturm über das Wien der 20er-Jahre hereinbrach. Dann räusperte sie sich, legte Geld auf den Tisch und ging an die Bar.

“Ein Bier, bitte. Und mein Buch.” “Kommt sofort”, sagte der Kellner und schob ihr einen Aschenbecher samt angezündeter Zigarette hin. “Für die Wartezeit.” Sie nahm die Zigarette, klemmte sie sich zwischen die Finger und zeichnete kleine Kreise aus Rauch in die Luft.

“Was liest du denn da?” Die Stimme kam ihr bekannt vor. “Das ist das neue Buch von Ingeborg Bachmann”, antwortete sie. Dann nahm sie einen Schluck Bier und lachte.

Bridges made of sand are the ones in your hand

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