Kein Platz

Moonface – November 2011

Der Mann in der Sitzreihe schräg vor ihr schrieb offensichtlich an einem Roman. Alles war sehr genau strukturiert. Er kopierte unterschiedliche Textbausteine von einem Word-Dokument ins nächste, arrangierte ganze Kapitel um und ordnete seinen Charakteren Eigenschaften zu. Sie beobachtete sein Vorgehen sehr genau. Die Enge des Flugzeuges erlaubte ihr den Einblick in dieses fremde, unfertige Stück Literatur – wenn es denn Literatur sein sollte. Die Absätze und Einleitungen, die sie von ihrem Platz aus auf seinem MacBook-Air-Bildschirm ausmachen konnte, klangen doch mitunter platt. Es ging um irische Grafschaften und dann wieder um Drachen und eine Altherrenrunde, die sich auf seltsam feministische Weise über Ehefrauen unterhielt. Cheesy. Aber auch strange. Wer weiß, was daraus einmal wird, dachte sie. Auftragsarbeit vielleicht?

Sie drehte die Musik lauter, schob den Regler auf “Rauschunterdrückung” und lehnte sich zurück. Sie mochte den Platz 8D. Auf Kurzstrecken achtete sie eigentlich immer darauf, auf dem Platz 8D einzuchecken, ein Gangplatz, recht weit vorne, in seiner geografischen Flugzeuglage erstaunlicherweise nahezu immer in weiterem Umkreis kinderfrei. Das mochte sie. Deshalb immer 8D. Fast.

Bald, bald, bald würde sie ihn wiedersehen. Sie konnte es kaum erwarten und hatte gleichzeitig richtiggehend Panik davor. Was, wenn es wieder so endete wie beim letzten Mal? Was, wenn sie wieder das falsche T-Shirt aussuchte? Was, wenn es wieder keinen freien Sitzplatz an dem Couchtisch gab? Sie spürte den täglichen Kopfschmerz aus dem Nacken heraufkriechen und begann nervös an den Kopfhörerkabeln zu ziehen.

“Möchten Sie noch etwas trinken?” Die Flugbegleiterin beugte sich über den Mann in der Sitzreihe schräg vor ihr, der gerade wieder einen neuen Textbaustein in eine Liste mit dem Titel “Optionen Kapitel 32 und 44” schob. Hoffentlich fragt sie mich nicht auch, hoffentlich nicht. Sie schloss vorsichtshalber die Augen. Auf dem Gangplatz 8D war nahezu alles perfekt, doch dieses zweite Anbieten von Getränken störte sie. Warum sollte sie jetzt noch etwas trinken wollen? Ich muss doch ohnehin schon dringend aufs Klo, dachte sie. Sie hasste diese Flugbegleiterfreundlichkeit, mit der sie einen auf Kurzstreckenflügen in die Harndrangfalle lockten, der man dann wieder nicht auskam, weil es einfach fucking zu spät war, vor dem Landeanflug noch einmal auf die ständig besetzte Toilette zu kommen. Sie drehte den Kopf zur Seite und versuchte ihre Aggression zu unterdrücken, bis die gröbste Gefahr vorrüber war. Nur nicht zu früh hinschauen.

Er würde sie natürlich nicht vom Flughafen abholen, das wusste sie. Er war ja nicht einmal darüber informiert, dass sie wieder in die Stadt kam. Nur für drei Tage diesmal, sehr kurz. Vielleicht würden sie sich auch gar nicht treffen. Vielleicht sollte sie ihren Aufenthalt ohnehin besser verschweigen. Ach, bald, bald, bald. Natürlich würde sie ihn wiedersehen. Sie entschied sich schließlich immer für das Ungesunde. Er war für sie eine Art fett frittiertes Gemüse. Eigentlich das beste, das idealste, das ihr passieren konnte, aber dann durch äußere Umstände komplett versaut und verdorben. Schlecht für sie, schlecht für ihn, schlecht für alle. Zum Schlechtwerden schlecht. Sie liebte ihn.

“Ich kenne dich gar nicht. Ich erkenne dich gar nicht. Ich möchte dich in diesen geheimen Raum führen, wo wir uns zum ersten Mal trafen.” Der Mann schrieb nun in Kapitel 12 weiter. Sie fand seine Worte unglaublich aufgesetzt, zum Schämen eigentlich, das jemand so etwas Blödes in einen Roman schrieb. Es regte sie auf, dass dafür Platz verschwendet wurde. Sie wollte nicht mehr nach vorne auf den Bildschirm schauen, so peinlich berührt war sie davon. Noch peinlicher berührt war sie allerdings, als sie bemerkte, dass sie diese dummen, stumpfsinnigen Worte längst in ihrem Gehirn abgespeichert hatte – heimlich – um sie dann gegen ihn zu verwenden, wenn sie sich trafen. Wenn sie wieder keinen Platz haben würde an diesem Tisch in dem Burgerlokal, in das sie nie gehen wollte. Und er auch nicht.

“Schnallen Sie sich nun bitte zum Landeanflug wieder an.” Ja, ich war nie abgeschnallt, was wollt ihr eigentlich von mir? Ich schaffs auch ohne eure shitty Toilette. Dankesehr. Es ist nur eine Kurzstrecke, okay?! In ihrem Kopfschmerz-Kopf setzte der emotionale Sinkflug ein, je näher sie ihrem Ziel kam. Für Traurigkeit war jetzt nicht die Zeit, Traurigkeit und Angst, das wollte sie sich für später aufheben. Erst mal mit Aggression durch den Tag kämpfen, dachte sie und bereitete in Gedanken eine kurze E-Mail für ihn vor, die sie später nach der Landung abschicken würde. E-Mail ist ja auch so lächerlich, nicht wahr? Wer schreibt denn heute noch E-Mails? Aber bitte, wenn er darauf bestand. Er war nun einmal altmodisch, da konnte sie nichts daran ändern. Niemand konnte etwas daran ändern.

Das letzte Mal, als sie sich von ihm verabschiedet hatte, war sie betrunken gewesen und hatte ihm beim Auseinandergehen noch einmal zugerufen: “Hier ist kein Platz für uns beide!” Er war stehen geblieben, hatte sich umgedreht und gelächelt. Es war der schönste Moment zwischen ihnen gewesen. Der schönste Moment, den sie je miteinander geteilt hatten. Sie waren sich einig gewesen.

Der Mann in der Sitzreihe schräg vor ihr klappte sein MacBook Air zu. Dann klebte er ein gelbes Post-it darauf, auf dem stand: Suche/Orte/Raum.

Baby we both know we are both crazy

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