Pommes und Pudding

Father John Misty – Hollywood Forever Cemetery Sings 

“Ich konnte letzte Nacht wieder nicht schlafen. Also, fast gar nicht.” Sie lehnte sich zur Seite an ihre Freundin und nahm ihr die Thermoskanne aus der Hand. “Mhm, wieso?” Die Freundin zog einen grünen Strohhalm unter dem Kopfpolster hervor und begann darauf herumzukauen. “Was war denn wieder?” “Die Gedanken waren wieder. Die ich jetzt ja öfter hab.” “Ja, das hast du schon länger. Soll ich uns was zu essen bestellen? Pommes oder lieber Caesar Salad? Den ohne Chicken?” “Ja, den ohne Chicken bitte. Und einen Pudding.” Sie nahm einen Schluck aus der Thermoskanne. “Kaum Mittag und wir saufen schon wieder. Aber wenns hilft.” Sie lachte. Ihre Freundin stand vom Bett auf, ging ins Vorzimmer und öffnete die oberste Schublade einer alten Holzkommode. Dann schob sie ein paar Schals zur Seite und holte einen altmodischen Telefonapparat hervor.

“Zweimal Caesar ohne, einmal Pommes, einmal Pudding. Dazu noch eine Flasche Gin… Jaja, den guten. Ja. Ja, mhm. Ja, genau. Den auch, ja. Nein, Vanille. Ok. Ja. Auf das Zimmer von Poppy Jules Riot. Genau. Riot. Nein, das sind die Suiten ohne Nummer. Ja, danke.”

“Ach, verdammte Kackscheiße. Ich hab die Heidelbeeren für deinen Pudding vergessen.” “Macht doch nichts, Poppypopps. Hier, trink doch mal wieder.” Sie stand nun ebenfalls vom Bett auf und ging auf ihre Freundin zu, um ihr die Thermoskanne zu reichen. Poppy Jules Riot, das war eigentlich nur ein Künstlerinnenname. Oder jedenfalls nannten alle ihre Freundin so. In ihrem Pass, den hatte sie vor Jahren einmal zu Gesicht bekommen, stand eigentlich Paula Julia von Riothurn. Auf dem Passfoto war Paula Julia von Riothurn mit langen blonden Haaren zu sehen gewesen, ein paar Sommersprossen um die Nase. Wenn sie ihre Freundin Poppy jetzt so ins Visier nahm, gab es da aber eigentlich keinerlei Ähnlichkeit mehr. Nicht nur der Name hatte sich irgendwann stark verändert, auch ihr Äußeres musste vor einiger Zeit einem ziemlich drastischen Wandel unterzogen worden sein.

Vor einiger Zeit schon, klar, denn sie kannten sich ja auch schon mindestens sechs Jahre, oder sieben. Und doch fand sie es immer noch seltsam, dass Poppy Jules Riot in einem Hotel wohnte. Seltsam und fucking cool. Sie wohnte da so richtig dauerhaft in einem Hotel, in einer riesigen Suite im Dachgeschoss, gemeinsam mit ihrer Mutter, einer schwedischen Küchenuhrdesignerin, und ihrem achtjährigen Kater Bowie. Die Mutter war allerdings fast nie da, weil sie seit zwei Jahren eine offene Beziehung mit einem russischen Literaturkritiker führte, der eine schöne große Villa am Stadtrand angemietet hatte, in der sich die beiden häufig über mehrere Monate hinweg allein oder auch in Gesellschaft anderer Paare einschlossen. Aus beruflichen, aber auch aus persönlichen Selbsterfahrungsgründen, wie es Poppy Jules Riots Mutter gerne auf den Punkt brachte – was immer das auch bedeutete.

“Also dann sag mal, wie hat es dich diesmal gequält, Süße?” Sie saßen sich nun auf dem Fußboden gegenüber, in der Mitte stand die Thermoskanne, Poppy Jules Riot lehnte ihren Rücken an die Wand, sie selbst legte den Kopf nach hinten auf die Bettkante. “Es ging natürlich wieder um das verdammte Sterben. Ich hab sie alle wieder vor mir gesehen. Am schlimmsten war es aber diesmal mit Tante Linda, du weißt schon, die als letzte gestorben ist. Ich musste die ganze Zeit daran denken, wie jung sie noch war und wie schlimm das alles war, als wir sie damals in ihrem Bett gefunden haben. Ich weiß einfach nicht, wie ich das vergessen soll.” “Sowas kannst du nicht vergessen. Du kannst das nur irgendwie aufarbeiten. Oder verdrängen.” Poppy Jules Riot zog sich das Shirt über den Kopf, und begann mit tiefer Stimme zu sprechen: “Uuuhhh wir sind die Geister, wir werden dich holen, uuuhhh.” Währenddessen schwang sie beide Arme durch die Luft und streckte ihre Mittelfinger aus.

“Lass den Quatsch, Popps. Du weißt, dass das für mich nicht lustig ist.” Sie nahm einen Schluck aus der Thermoskanne und begann zu lachen. “Ja sorry. Und du weißt, dass ich nur meine Rolle für dich spiele, Süße.” Popps, so nannte sie ihre Freundin meistens, krabbelte zu ihr hin und fiel ihr um den Hals. “Als ich damals meinen Dad tot in der Wanne gefunden hab, die Spritze noch im Arm, das Gesicht blau angelaufen. Ich sags dir, für eine Fünfjährige ist das kein guter Anblick.” Poppy Jules Riot flüsterte jetzt nur noch, das Shirt hatte sie wieder vom Kopf herunter gezogen. “Ich weiß, ich weiß, Popps.” Sie begannen beide leise zu schluchzen. Poppy Jules Riot fluchte zwischendurch.

“Träumst du manchmal von ihm?” Sie hatte diese Frage schon hunderte Male an ihre Freundin gestellt. Und diese hatte ihr schon hunderte Male exakt dasselbe geantwortet: “Ja, manchmal. Aber dann ist er immer komplett ohne Gesicht. Statt dem Gesicht sehe ich immer nur so einen Fleck, ein bisschen wie ein deformierter großer Kürbis. So in etwa.” “Vermisst du ihn?” “Nein, eigentlich nicht. Es nervt mich bloß, dass er meine Kindheit versaut hat. Und mein Erwachsenenleben. Jahrelange Therapie und Tabletten wegen dem Arschloch.” Poppy Jules Riot zündete sich eine Zigarette an und wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. “Ich krieg da einfach immer so eine Wut, dass ich zum Heulen komm. Meine Mutter hat einmal gesagt: Wenn er mich in Gedanken zu sehr nervt, soll ich mir vorstellen, dass ich ihn mit bloßen Händen erwürgt hätte, da in seiner Wanne, und dass er deswegen tot ist. Ich weiß oft nicht, ob das ein guter Tipp von meiner Mutter war.” “Nein, Popps, deine Mutter hat einen Knall und das wissen wir beide. Ich meine, sie macht Küchenuhrdesigns und lässt sich von so einem russischen Pseudo ficken.” “Mein Dad war auch nur ein Pseudo. Ein Pseudo mit blauem Blut. Hahahahaha. Ja so hat seine Fresse am Ende auch ausgesehen.”

Es klopfte an der Tür. “Ich mach auf, das sind die Pommes.” Poppy Jules Riot rannte eilig aus dem Zimmer. Die Thermoskanne war umgefallen. Auf dem Boden hatte sich eine Lacke gebildet, die die Umrisse eines Apfels zeigte. Oder einer Tomate. Oder eines Kürbis.

Jesus Christ, girl, what are people gonna think

 

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