Abkratzen

Joy Division – New Dawn Fades

Den letzten Rest Glitter aus dem Gesicht wischen, die Katzenhaare von der Jacke zupfen, den Geschmack vom Bier von letzter Nacht noch auf der Zunge. Sie zwängte sich in den vollen U-Bahnwaggon und presste ihren heißen Kopf gegen die kalte, dreckige Glasscheibe. Nichts aus dem Fenster strecken. Nicht zu weit hinauslehnen, kein Risiko, nur riskant. Sie ließ den Blick über die Köpfe der Fremden schweifen und war zufrieden. All diese Köpfe, die Gesichter hatten, die lächelten, während sie auf ihre Smartphones starrten und hastig Nachrichten an all die anderen Fremden schickten. All die anderen, die jetzt nicht hier waren. So wie sie eigentlich gar nicht hier war, sondern in dieser alten Wohnung, bei diesem alten Freund mit den alten Fotos an der Wand. Wie gestern, nur länger her und weiter weg. Wie gestern, nur viel vertrauter und weniger aufregend.

“Darf ich dich mal irgendwann auf eine Cola einladen?”, hatte er gefragt. “Wie kommst du denn auf Cola? Ich mag doch gar keine Cola.” “Ja, aber ich mag Cola. Sehr gern. Und dich.” Dann hatte er ihr sie geküsst. Sehr ungeschickt und nur ganz kurz. Sie war ein bisschen erschrocken und musste sich an seinem Bücherregal festhalten – irgendwo zwischen Thomas Bernhard und Friedrich Nietzsche. Dort hatte sie dann auch ihre Ellbogen in die ordentlich sortierten Reihen gestoßen und sich aber gleich wieder dafür entschuldigt. Er hatte sehr süß ausgesehen in seinem Nirvana-Shirt, das viel zu groß war. Und sein ängstlicher Blick. Und seine zerzausten Haare.

Es war das insgesamt dritte Mal gewesen, dass sie ihn zuhause besucht hatte – mit dem insgesamt dritten Vorwand. Man brauchte ja immer einen Vorwand, man konnte Menschen ja nie einfach mögen, zumindest durfte man das nicht sagen. Das war gegen die Spielregeln und gefährlich war es auch – für einen selbst hauptsächlich. Sie hatte das eigentlich immer blöd gefunden und gar nicht verstanden, was das sollte, aber sie hatte verstanden, dass es sein musste. Beim ersten Mal hatte er den Vorwand gebracht: “Ich muss für meine Mutter ein Geschenk verpacken. Ich kann das nicht so, glaubst du, du hast da mal ne Minute mir zu helfen?” Na und ob sie ne Minute hatte. Sie fand den Vorwand ziemlich blöd, aber bitte, wer wird denn hier wählerisch sein. Beim zweiten Mal hatte er den Vorwand gebracht: “Ich muss meiner Schwester eine Gedichtinterpretation schreiben, weil ich eine Wette gegen sie verloren habe. Ich kann das nicht so, glaubst du, du hast da mal ne Stunde mir zu helfen?” Na und ob sie ne Stunde hatte. Sie fand den Vorwand da schon recht durchschaubar, aber bitte, das war doch so süß!

Danach hatten sie sich ein paar Wochen gar nicht mehr gesehen. Die Treffen bei ihm zuhause hatten irgendwie nie so richtige Fortschritte gebracht. Nur einmal, ganz kurz, hatten sich ihre Hände berührt, aber sie konnte bis heute nicht einschätzen, ob das Zufall oder Absicht von ihm gewesen war. Ja, also einige Wochen hatten sie gar keinen Kontakt mehr gehabt. Dann auf einmal, eine SMS von ihm: “Mein Hund hat meine Hausaufgaben gefressen. Du musst dringend vorbeikommen.” Es war der schönste Satz, den sie jemals von ihm gelesen hatte. Denn sie wusste, dass er diesmal wollte, dass sie wusste, dass es ein Vorwand war. Ein ironischer Vorwand quasi, also gar kein Vorwand, also yay! Ja und dann war das passiert, das mit dem Kuss.

Er hatte nie einen Hund gehabt, er war der totale Katzenmensch gewesen. Allerdings hatte er auch nie Katzen gehabt, weil es seine Eltern nicht erlaubten, weil die Oma Allergie hatte und oft bei ihnen zu Besuch war. Sie drückte den Kopf noch ein bisschen fester gegen das U-Bahnfenster und fing ein bisschen zu weinen an. Sie vermisste ihn. Sie vermisste diesen Arsch, der ihr das Herz gebrochen hatte, wie kein anderer Arsch ihr je das Herz hätte brechen können. Zwei Tage nach dem Kuss und einen Tag nach der Cola-Einladung – sie war damals auf Soda Zitrone ausgewichen – war es ganz hässlich geworden. “Ich muss dir etwas sagen”, das waren seine Worte, während sein schmächtiger Körper noch immer im selben Nirvana-Shirt steckte. “Ja was ist denn? Ist es was schlimmes?” “Nö. Nix schlimmes.” In der Sekunde wusste sie, dass es das schlimmste war.

“Ich muss hier raus, entschuldigen Sie, entschul…” Beinahe hätte sie ihre Station verpasst. Sie quetschte sich an den fremden Menschen vorbei und stolperte auf den Bahnsteig. Ihr war auf einmal irrsinnig schlecht. Kreislauf? Kater? Lebensmittelvergiftung? Oder alles? Sie lehnte sich an die Wand am Bahnsteig und sank langsam in die Knie. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und rieb sich die Wimperntuschereste aus den und wieder in die Augen. Der Schmerz von damals war jetzt. Er war so nah wie gestern, nur viel tiefer und ernster und so viel schöner. Der schönste Schmerz von allen war der schlimmste. Der schönste Schmerz von allen war der erste, der ewige und der immer gleiche.

Ich bin dankbar, dachte sie und stützte sich mit den Armen am Boden ab. Ich bin so dankbar, dass es weh tut. Ich bin so dankbar, dass ich nicht tot bin. Er ist tot und ich bin hier. Er ist irgendwo tot und ich bin irgendwo lebendig. Für einen kleinen und sehr kurzen Moment war damals alles perfekt gewesen. Sie presste sich eine Faust in den Magen und zitterte. Sie vermisste diesen Arsch. Immer wenn in ihrem Leben einmal etwas besonders gut oder besonders schlecht war, immer dann vermisste sie diesen Arsch.

Dieser Typ im Nirvana-Shirt, dieser Herzensbrecher, dieser süße Egotrottel, dieser ungeschickte Küsser mit seinen bescheuerten Vorwänden, mit seinen schlechten Witzen und seinem verschobenen Selbstbild. Er war nicht mehr und nicht weniger gewesen als ihre eigene Erfindung, ihre Projektionsfläche, ihr sehnlichster Wunsch und ihre größte Abneigung. “Verrecke!”, hatte sie ihm damals gesagt. Dann hatte sie gegen sein Schienbein getreten und gleichzeitig ein paar Fotos von seiner tollen Bilderwand gerissen. “Von mir aus kannst du abkratzen.” Danach war sie aus dem Zimmer hinaus und die Treppen hinunter auf die Straße gelaufen. Sie hatte ihre Tasche ins Gras geworfen und sich selbst heulend hinterher. Sie hatte zum ersten Mal gefühlt, was kein Mensch je fühlen will. Es war die Verzweiflung eines neuen Lebens. Von da an würde nie wieder etwas so sein wie vorher. Nie wieder. Nie wieder. Und dann immer wieder.

Sie richtete sich an der kalten U-Bahnstation-Wand auf, griff in ihre Jackentasche und holte ihr Telefon heraus. Dann scrollte sie durch ihre Kontaktliste und suchte unter “D”. “Hey, ich hab deine Hausaufgaben fertig”, tippte sie. Kurz darauf hielt sie inne und schob die Nachricht in den Ordner “Drafts”. In Klammer stand die Zahl 67.

We’ll share a drink and step outside, an angry voice and one who cried

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