Mit Verspätung

Chromatics – Blue Moon

Ok, eine Zigarette noch, das geht sich noch aus, bevor der Zug kommt. Abfahrt um 18:12 Uhr. Sie war eigentlich immer viel zu früh dran beim Verreisen. Das galt natürlich auch für das Zurückreisen von Reisen. Immer viel zu früh. Bloß nicht den Zug oder das Flugzeug verpassen. Als ob sie jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen wäre, einen Zug oder ein Flugzeug zu verpassen! Da lief sie schon eher gegen eine Wand, weil sie mal wieder den Kopf über das Smartphone gesenkt hatte und noch eine wichtige Nachricht an jemanden verschicken musste. An jemanden. Das waren im Grunde nicht sehr viele. Sie kannte zwar einige, aber am Ende war sie doch häufig allein, manchmal gern allein. So allein stand sie auch jetzt auf dem Bahnsteig, kurz bevor der Zug einfahren sollte – die Zigarette in der rechten, die kleine, voll gestopfte schwarze Tasche in der linken Hand.

18:11 Uhr und keine Spur von einem einfahrenden Zug. Was sagt die Anzeige? Die Anzeige sagte nichts Außergewöhnliches. Tatsächlich sagte die Anzeige nicht nur nichts Außergewöhnliches, die Anzeige sagte gar nichts. Das lag zum einen daran, dass die Anzeige überhaupt nicht sprechen konnte, weil sie nur eine Anzeige war, aufgehängt auf einem windigen, winterlichen Bahnsteig. Zum anderen lag das daran, dass die Informationspolitik im Hinblick auf verspätete Zugabfahrtszeiten wieder einmal zu versagen schien. Inzwischen müsste der doch längst da sein, dachte sie. Und Recht hatte sie.

Eine Durchsage? Am Bahnsteig knackte und krachte es kurz aus den Lautsprechern, ein Hinweis: Es folgte eine Durchsage. Die konnte im Gegensatz zur sprachlosen Anzeige nun tatsächlich etwas sagen. Der Zug hatte also zehn Minuten Verspätung. Na gut, dachte sie. Sie war zwar relativ müde, aber na gut, zehn Minuten sagten sie. Das hieß, der Zug würde dann in etwa 20 Minuten da sein. Na gut.

Dass es im Winter immer so früh dunkel wurde, störte sie eigentlich nicht. Sie mochte dunkel. Das Problem daran waren vielmehr die Temperaturen. Das Problem am winterlichen Bahnsteigwarten waren die zu niedrigen Temperaturen. Es war schlichtweg kalt. Sie mochte kalt nicht. Sie zupfte an den Ärmeln ihrer Winterjacke – viel zu dünn, wie die Mama immer sagte. Kein Wunder, dass du immer frierst. Ja Mama, ist schon gut, dachte sie, als sie da allein am Bahnsteig stand.

Das Wochenende war eigentlich sehr schön gewesen. Sie hatte das Wochenende mit Menschen verbracht, die zu jenen zählten, denen sie regelmäßig noch eine wichtige Nachricht schicken musste. So eine Gegen-die-Wand-lauf-Nachricht. Das Wochenende war aber eigentlich auch nicht so schön gewesen. Denn mit ihren Erwartungen war sie natürlich wieder gegen eine Wand gelaufen, gegen die sprichwörtliche diesmal. Warum nur musste sie immer diese Erwartungen mit ins Gepäck nehmen? Warum nicht einfach mal nur so? Mal nur so da hinfahren, ohne alles.

Ich werde dir sagen, warum du immer so unglücklich bist. Weil du zu viel erwartest an den falschen Stellen und gleichzeitig erwartest du zu wenig an den richtigen. Das hatte ihr jemand schon häufiger gesagt, auch an diesem Wochenende hatte ihr jemand das gesagt. Sie hielt sehr viel davon, was jemand ihr sagte. Sie hatte es sehr ernst genommen, sie hatte versucht, sich selbst davon zu überzeugen. In diesem Fall. In den meisten anderen Fällen war ihr das scheißegal. 18:22 Uhr. Der Zug fuhr natürlich noch immer nicht ein. Noch zehn Minuten, dachte sie.

In ihrem Magen bildeten sich langsam kleine Knoten. Sie konnte es richtig spüren, während sie da so allein am Bahnsteig stand. Wäre da ein Fenster gewesen zum Reinschauen in ihren Magen, sie hätte vielleicht sogar ein Foto davon gemacht. Sie hätte ein Foto machen können von den kleinen Knoten, die sich in ihrem Magen bildeten, weil das Wochenende eigentlich ganz schön aber auch unter den Erwartungen geblieben war. Im Anschluss daran hätte sie das Foto dann bei Instagram hochladen können. Dazu wäre ihr bestimmt eine schöne Zeile eingefallen: “all my little knots” oder “some knots are bigger than others”. So etwas in der Art halt. Irgendjemand hätte das schon geliked. Langsam wurde ihr richtig schlecht. Vielleicht hatte auch das Warten damit zu tun, nicht nur die unangenehme End-Wochenende-Reflexion.

Hauptsache niemand merkt etwas, dachte sie. Hauptsache niemand hatte etwas davon bemerkt, wie unfassbar enttäuscht sie ihre kleine schwarze Tasche vor der Abreise wieder voll gestopft hatte. Bloß nichts vergessen, hatte sie dabei gedacht. Als ob sie jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen wäre, etwas zu vergessen! Da vergaß sie sich schon eher selbst, weil diese Informationspolitik im Hinblick auf verspätete Züge wieder einmal nicht zu funktionieren schien.

18:32 Uhr. Die Anzeigentafel war inzwischen nur noch schwarz. Das Licht auf dem Bahnsteig war spärlich, das war der einzige Trost. Die Dunkelheit machte ihr das Warten erträglicher. Wären da bloß nicht diese Knoten gewesen, die sich mit rasender Geschwindigkeit in ihrem Magen ausbreiteten. Hoffentlich hat wirklich niemand etwas bemerkt, dachte sie und versuchte sich daran zu erinnern, was jemand ihr gesagt hatte. Jemand hatte gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen, es hätte schon niemand etwas bemerkt.

18:41 Uhr. Es knackte und krachte in den Lautsprechern. Eine Durchsage: Zug fährt ein. Sie dachte an niemand und sie dachte an jemand. Sie mochte sie beide. Sie ließ beide hier zurück, im Wissen, dass sie bald wieder kommen würde. Dann würde sie wieder auf einem Bahnsteig stehen und auf den Zug warten mit ihren Erwartungen, die dann noch nicht enttäuscht worden waren.

You knew just what I was there for

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