Knirschen

Wilco – How To Fight Loneliness

Über ihrem Kopf baumelte eine kleine, halb durchsichtige Spinne. Der Wind schaukelte das fragile Tier, das sich von einer Kokospalme gefährlich nahe an ihr Gesicht herabgeseilt hatte, schwungvoll hin und her. Sie bewegte sich nicht, richtete den Blick wie hypnotisiert auf die tanzende Spinne. Zwischen den Palmenblättern blitzte die Nachmittagssonne hindurch und malte Streifenmuster auf ihre nackten Beine. Sie grub ihren Arsch noch ein bisschen tiefer in den Sand. Dieser schöne, warme Sand. Ich möchte mich panieren, dachte sie. Ich möchte so tun, als wäre ich nichts als ein Stück paniertes Fleisch. In der tropischen Hitze herausgebraten mit 100 Prozent Sonnenöl. Yummy.

Als sie noch jünger war, im Teenageralter, aber auch noch eine Zeit lang danach, waren ihr Strandurlaube zutiefst zuwider gewesen. Nie im Leben fahr ich mit euch nach Scheiß Italien! Bevor ich mit euch nach Scheiß Griechenland fliege, mach ich lieber Ferien im Knast! Ich werd ganz sicher nicht mit euch nach Scheiß Thailand mitkommen! So war das damals, wenn ihre Eltern höflich fragten, ob sie vielleicht Lust hätte auf eine Woche Ausspannen, gratis und alles inklusive. Nope. Sie wollte lieber in coole Städte reisen. London, das ist meine Lieblingsstadt, in Barcelona gibt es die besten Clubs, in Stockholm haben die wirklich wirklich Stil – so funktionierte das in ihrem Kopf. Damals.

Sie drehte sich auf den Bauch. Der Wind hatte das kleine Spinnentier davon getragen. Sie drückte ihr Gesicht mit geschlossenen Augen flach auf den Boden, ihre Nase bohrte kleine, schattige Canyons in den Sand. Bitteschön, mach jetzt bloß nicht dein Maul auf, dachte sie, während es bereits zwischen ihren Zähnen zu knirschen begann.

Als sie noch klein war, im Kindergartenalter, aber auch noch eine Zeit lang danach, hasste sie es, in der Sandkiste mit den Nachbarskindern zu spielen. Zu tief saß ein frühes traumatisches Erlebnis, als der damals zweijährige Günther ihr, die sie wohl im selben Alter gewesen sein musste, mit einem großen Stein beim netten Sandkisten-Date auf den Kopf geschlagen hatte.

Pling. Sie streckte ihren linken Arm zur Seite und suchte mit ihrer Hand nach der Tasche, die da irgendwo neben ihr lag. Ihr Gesicht ließ sie dabei im Sand begraben. Pling. Pling. Sie schob ihren Körper ein Stückchen in die Richtung, in der ihre Hand nach der Tasche suchte. Ihre sandigen Finger stießen auf ein Stück Stoff, sie holte ihr Gesicht aus der Mulde und strich sich mit dem rechten Arm über die Augen, die sie weiter geschlossen hielt. Von überall rieselten die kleinen Sandkörner von ihr herab. Sie zog ihr Smartphone und ein Bikini-Oberteil aus der Tasche. Pling.

Sie wischte sich mit dem schwarz-weiß gepunkteten Bikini-Oberteil die Augen sandfrei. Dann versuchte sie mit ihren verklebten Fingern das Telefon zu entsperren. Pling.

“Do u miss me?”
“;)”
“Do u?”
“Wo bist du gerade?”
“Der Hund hats nicht geschafft…”

Ich kann das jetzt nicht, dachte sie. Ich kann einfach nicht. Sie steckte das Smartphone zurück in die Tasche und starrte aufs Meer. Die Menschen mögen das Rauschen des Meeres, sie schauen den Wellen zu und glauben, dass ihnen das irgendetwas nützt. Beim Entspannen, beim Abschalten. In ihrem Leben. In ihrem Luxus-Urlaub-Leben. Fuck you, Meer! Ich brauch dich nicht. Sie holte das Smartphone wieder aus der Tasche heraus.

“I’m so sorry”

Sie legte sich auf dem Rücken zurück in den Sand und das Telefon auf ihren Bauch. Pling. Sie hielt sich den kleinen Bildschirm dicht vor die Augen, die an den Rändern noch immer von Sand und Sonnenöl verklebt waren.

“…”

Ich kann das jetzt einfach wirklich wirklich nicht, dachte sie. Dann krochen ein paar trockene Tränen in ihr hoch. Das kann man alles gut hinunterschlucken, immer mit Sand nachspülen, mit Sand, mit Sand. Der schöne, warme Sand. Sie überlegte kurz, wischte auf dem Bildschirm hin und her.

“Schreib mir bitte nicht mehr”
“Bitter nichht mehr. Bye!!”

Sie wischte sich frischen Sand in die Augen, während sich ein kleines salziges Rinnsal den Weg über ihre Wangen suchte. Dann legte sie das Telefon neben sich auf den Boden, drehte sich wieder um und vergrub das Gesicht in der Mulde mit den kleinen Nasen-Canyons von vorhin. Das Meer rauschte in ihren Ohren, vielleicht war es auch der Wind oder das Blut, das durch ihren Kopf strömte und jetzt den Anschein erweckte, dringend irgendwo raus zu wollen.

“Hey, steh doch mal auf hier. Die Leute schauen schon.” Eine Männerhand strich über ihren Rücken. Sie bewegte sich nicht. “Um 17 Uhr werden wir in der Club Lounge erwartet. Vielleicht möchtest du dich noch frisch machen.” Er sagte es nicht als Frage. Es war ein Befehl. Sie bewegte sich nicht. “Ich seh dich dann dort.” Die Hand zog sich von ihrem Rücken zurück. Sie drehte sich um.

Sein Gesicht verschwand hinter den Sonnenstrahlen, die durch den Palmenschatten fielen. Von seinen nassen Haaren fielen zwei kleine Tropfen auf ihre Beine. Ihr Blick fixierte sein weißes T-Shirt. “New Order” stand darauf zu lesen. Ich hasse dich, dachte sie. Dann nickte sie ihm zu.

Shine your teeth til meaningless and sharpen them with lies

An der Ecke links

David Bowie – Five Years

“Ok dann. Ciao. Für immer ciao.” Sie knallte ihr Smartphone auf den Boden, lief in die Küche und riss den Kühlschrank auf. Sie brauchte jetzt schnell irgendwas – Wein, Bier, Wodka, egal. Wodka. Sie nahm die Flasche heraus, schraubte den silbernen Verschluss ab und setzte an. Ok, ok, ok. Besser. Atme, dachte sie, atme. Dann rannte sie quer durch die Wohnung, drehte die Musik lauter, rannte wieder quer durch die Wohnung und stellte sich schließlich vor den Spiegel im Badezimmer. Ihr Gesicht brannte, die Augen waren gerötet und geschwollen, die Haare klebten schweißnass auf ihrer Stirn. Sie nahm einen schwarzen Eyeliner aus dem Schrank neben dem Spiegel und zog sich dicke Linien unter den Augen. Dann rannte sie zurück in die Küche.

Fuck. Die Flasche war so gut wie leer. Ok, ok. Nochmal rausgehen, dachte sie. Sie zog ihre Schuhe an, steckte sich einen Zwanzig-Euroschein in die Hosentasche und stolperte hastig zur Tür raus.

Fuck. Es regnete. Es war dunkel. Es war kalt. Zu kalt für Mai. Egal, dachte sie, egal, jetzt nur schnell eine neue Flasche Wodka kaufen. Sie lief die Straße entlang, dann links in die nächste, dann nochmal links. Nur noch zehn Meter, fünfzehn vielleicht. Ihre Schritte verlangsamten sich langsam. Gleich war sie am Ziel. Jetzt nur schnell eine neue Flasche Wodka kaufen.

Fuck. Sie schlug mit dem Gesicht auf dem nassen Asphalt auf. Ihre Arme schrammten am Gehsteigrand entlang. Was war das? Scheiße, scheiße, was war das? Sie versuchte sich zu bewegen, drehte sich zur Seite und tastete ihren Kopf vorsichtig nach Blutspuren und Kieselstein-Einschlagslöchern ab. Offensichtlich hatte sie irgendjemand heftig von hinten gestoßen. Atme, dachte sie, atme. Ihr Kopf schmerzte, Löcher schien es aber keine zu geben. Atme, dachte sie. “Du musst aufstehen, schnell, steh auf.” Eine Frauenstimme brüllte ihr ins rechte Ohr. “Na komm schon, los, steh auf, beeil dich.” Die Frauenstimme wurde noch lauter. Sie versuchte ihren Blick, der sich an ein rotes Paar Doc Martens direkt vor ihrem Gesicht geheftet hatte, nach oben zu richten.

“Los, sie kommen, steh endlich auf.” Eine Hand schnellte nach unten und zog heftig an ihrem linken Arm. Sie nahm alle Kraft zusammen und bewegte ihren schmerzenden Körper – erst auf die Knie, dann auf die Füße. Die junge Frau, die ihr unentwegt entgegen brüllte, schien es wirklich eilig zu haben. “Bist du ok? Wir müssen schleunigst hier weg. Achja, und sorry. Aber los jetzt.” Sie verstand kein Wort. Worum ging es gerade? Wer war diese Frau? Und wer war hinter ihr her? Sie versuchte etwas zu sagen, aber offensichtlich war für Fragen gerade nicht die richtige Zeit. Also gut, dann laufen wir davon!

Sie rannte neben ihr her. Die Frau immer einen halben Schritt schneller, einen halben Schritt voraus. “Da lang, wir müssen runter zum Kanal.” Sie liefen noch ein bisschen schneller. Ihr Rücken schmerzte, ihre aufgeschürften Hände waren nass und schmutzig, an ihrem linken Knie war die Hose blutdurchtränkt. Aber das alles war überhaupt nicht wichtig, wichtig war nur, dass sie jetzt davonlief. Sie lief und lief, Seite an Seite mit dieser unbekannten Frau, ohne zu wissen, warum. Je länger sie so schmerzgeplagt durch die Nacht in Richtung Kanal lief, desto überzeugter war sie davon, dass das jetzt das einzig Richtige war, das Einzige, das zählte. Sie rannte und rannte, irgendwann rannte sie um ihr Leben.

“Wir sind jetzt da. Bleib stehen.” Die Frau keuchte und fasste sich an die Brust. “Da.” Der linke Arm der Frau deutete in die Dunkelheit, von der umgeben der Kanal um diese Uhrzeit die Stadt  fast lautlos von Norden nach Süden in zwei Teile schnitt. “Wir müssen uns auf den Boden legen, damit sie uns nicht finden.” Jene Hand, die sie zuvor nach ihrem Sturz am Gehsteig nach oben gezogen hatte, riss sie nun heftig nach unten. “Schneller, du musst wirklich schneller werden.” Der Tonfall der Frau war ernst, die Situation war angespannt, so viel war klar.

Der Regen wurde immer heftiger. Sie lag flach auf dem Bauch, die Arme nach vorne unter dem Kopf verschränkt. Zwei Zentimeter entfernt vom Abgrund, zwei Zentimeter entfernt vom Kanal und seinem schwarzen, stillen Wasser. Neben ihr lag die fremde Frau in gleicher Position, ihre Schultern stießen leicht aneinander. “Puh. Das war knapp. Das war wirklich knapp.” Sie drehte ihren Kopf zur Seite und blickte der Frau in die Augen. Jetzt, zum ersten Mal hatte sie Gelegenheit ihr in die Augen zu sehen. Die Frau hatte sehr hübsche Augen und eine coole, wenngleich eigenartige Frisur. Woran du jetzt wieder denken musst, dachte sie.

Sie wollte irgendetwas sagen, eigentlich wollte sie endlich irgendetwas fragen, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie ohnehin schon alles wusste. “Ich mag dich. Du bist ziemlich langsam, aber ich mag dich.” Der Kopf der jungen Frau rückte ein Stückchen näher an ihren heran. Dann streichelte eine Hand über ihr Gesicht. “Ich bin froh, dass wir es beide geschafft haben.” Die Frau sprach jetzt sehr sanft und leise. Ihr Kopf rückte noch etwas näher heran, und dann noch ein bisschen näher, bis sich ihre Nasenspitzen berührten. “Sag, wenn du soweit bist.”

I kiss you, you’re beautiful, I want you to walk

Erdbeertorte und Kaffee

Warpaint – Beetles

Ich kann dich hier einsperren, oder du kommst wieder mit rauf. Ich kann dir das jetzt erlauben, oder ich kann mich mal durchsetzen. Ich kann ein Bier bestellen oder ein Glas Wein. Sie kritzelte die Sätze auf eine mit Tortenresten verklebte, gelbe Serviette. Ich kann den Schlüssel verschlucken, oder du lässt jetzt die Leine los. Ich kann dir das jetzt glauben, oder ich kann mal aufhören mich selbst zu belügen. Ich kann kein Brot essen und keine Suppe. Sie drehte die Serviette um, kratzte die Tortenreste ab, dann schrieb sie weiter. Das Leben ist kein Kindergeburtstag – though sometimes maybe it is.

“Ist hier noch frei?” Ja klar, jetzt quatschte sie also auch noch irgend so ein Typ an. Der Tag war schon schlimm genug, eigentlich. Da machte das dann auch nichts mehr, von irgend so einem Typen angequatscht zu werden, eigentlich. Na also bitte, soll er sich halt da hinsetzen. Sie blickte kurz von ihrer Serviettenkritzelei auf und nickte. “Danke.” Ja du mich auch, dachte sie.

Ich kann mit dir in den Park gehen, oder du bringst das nächste Mal dein Fahrrad mit. Ich kann einen Spagat machen, oder du stellst dich auf den Kopf. Ich kann… Ach shit, sie griff sich an den Kopf. Etwas hatte sich in ihren Haaren verheddert. Wieso immer bei mir? Wieso landen die immer bei mir? Jetzt fing das also wieder an. Sie wollte durch den Raum brüllen, sie wollte jemanden beschimpfen, sie wollte aufspringen und hinaus laufen. Aber nein, das konnte sie natürlich nicht. Tatsächlich hätte sie gekonnt, aber sie durfte nicht. Gut, dann bist du also wieder still. Ist ja auch egal, eigentlich. Sie zupfte weiter in ihren Haaren. Schließlich holte sie den kleinen Papierflieger, der sich darin verfangen hatte, heraus, faltete ihn auseinander, strich das Papier glatt und begann darauf weiterzuschreiben. Ich kann mich nicht im Spiegel anschauen, oder ich kann mich nicht durch ein Kanalgitter zwängen. Ich…

“Das hat jetzt lustig ausgesehen.” What the fuck. Der Typ konnte also nicht einfach an ihrem Tisch sitzen, nein, er musste auch noch ungefragt sein blödes Maul aufreißen. Sorry?! Sie riss ihren Kopf mit den Papierflieger-zerzausten Haaren hoch und starrte ihm in die Augen. Sie schob das Kinn nach vorne und starrte ihn an. Sie sagte kein Wort. “Tut mir leid. Tut mir echt leid.” Er versuchte ernst zu wirken, aber um seinen Mund zuckte ein angestrengt unterdrücktes Lachen.

Ihre Nerven lagen blank. Solche Nachmittage sollten allen eine Freude bereiten, aber in Wahrheit waren sie die Hölle. Zu viele Menschen in einem Raum, dachte sie, zu laut, zu grell. Aber sie musste herkommen, sie hatte eine Verpflichtung, sie hatte sich selbst die Verpflichtung auferlegt, sich an diesen Nachmittagen zu erfreuen. Denn das war schließlich die Idee, das war der Zweck, der Sinn sogar! Freu dich jetzt, freu dich jetzt, verdammt nochmal, freu dich, dass du heute hier sitzen kannst! Sie bemerkte nicht, dass sie sich selbst mit dem roten Filzstift auf den Arm schlug. “Alles ok?” Der Typ konnte einfach nicht die Fresse halten. Sie griff nach links über den Tisch, zog einen großen Teller mit Erdbeertortenstücken an sich heran, ballte ihre rechte Hand zur Faust und: Yeah. Mitten in den Scheiß hinein. Die Tortenstücke flogen quer in alle Richtungen, ein paar Cremefüllung-Spritzer knallten ihr direkt in die Augen. Es fühlte sich so gut an. Mehr, mehr, mehr, dachte sie. Dann griff sie zu der voll geschriebenen, gelben Serviette und tupfte sich das Gesicht ab.

“Welche sind deine?” Der Typ neben ihr schien von ihrem Kuchenmassaker völlig unbeeindruckt. Das regte sie auf. Wie konnte er jetzt von etwas völlig anderem reden, wieso fragte er sie überhaupt nicht danach, was gerade passiert war? Sie starrte ihn wieder an. Sie sagte wieder nichts, deutete mit dem Kopf auf die andere Seite des Raumes, dann murmelte sie: “Nur einer.” Er blickte in die angedeutete Richtung, nickte und drehte sich ein Stück nach hinten um. “Zwei.” Das schien ihm jetzt ein wenig unangenehm zu sein. Seltsam, dachte sie, sehr seltsam.

Seltsam auch, dass sie plötzlich Lust verspürte, mit ihm zu reden. Das war eigentlich nicht ihre Art und heute, an diesem bunt gemischten Nachmittag, da war das schon gar nicht ihre Art. Eigentlich. Wieso eigentlich nicht? Sie überlegte, wie sie das spärliche Gespräch mit ihm fortsetzen könnte. Wie so oft fiel ihr nichts ein. Also gut, aber starren, starren geht. Sie richtete sich auf, nahm eine Hand voll Erdbeertortenreste, stopfte sie sich in den Mund und rückte näher an ihn heran. Gut so, das klappt, dachte sie. Er starrte zurück.

Ich kann dich jetzt für immer so anstarren, oder ich kann dich jetzt für immer so anstarren, dachte sie. Sie war so unfassbar glücklich. Das war jetzt mal richtig gut, fast so gut wie die Erdbeertorte, deren Reste noch immer ihren Mund verklebten. Das darf nie mehr aufhören, das muss jetzt so bleiben. Wir gehen hier nicht mehr raus. Sie starrte und starrte ihn an. Ihr Typ, also ihr Typ war er ja eigentlich nicht. Aber das war jetzt schon ein anderes Level, das war mal richtig gut. Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte sie.

Von der anderen Seite des Raumes näherten sich Schritte. Sie wollte sich nicht umdrehen, sie wollte die Schritte verdrängen. Sie strengte sich unglaublich an, die immer näher kommenden Schritte zu verdrängen. Wie lange noch, wie lange noch, wie lange noch? Ihr wurde heiß. Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte sie. Starr, starr, starr. “Es ist schon halb fünf. Gehen wir dann mal?” Aus. Es war vorbei. Ein Mann mit weißer Hose und weißem Shirt stellte sich neben sie, strich ihr behutsam über die Schulter und sagte: “Happy Hour. Dein Cocktail wartet.” Sie verzog den Mund zu einem zynischen Lächeln und erhob sich. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Jeans übersät war mit kleinen weißen Cremefüllung-Spritzern. Polka Dots sind wieder in, dachte sie.

“MMmmhh. Ciao.” Er sagte es mehr als Frage. “MMmmhh Ciao?” Sie starrte bloß weiter, während der weiß gekleidete Mann neben ihr noch einmal auf die Uhrzeit verwies. Sie hätte so gerne etwas wirklich Phenomänales gesagt, etwas Episches, etwas, das man am Ende von guten Filmen so sieht. Aber ne. Nichts. Ein starres Nicken noch zum Abschluss, dann setzte sie sich langsam, geradezu in Zeitlupe, in Bewegung. In Richtung Ausgang. Was für ein Witz. Sie nannten es Ausgang, dabei fing dahinter erst alles richtig an. Da war man dann erst drin.

“Hey!” Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. “Was bist du?” Er verdrehte kurz die Augen und rief: “Stufe zwei.” Sie lächelte. “Cool. Ich auch.”

Oh my God I’m mad at it

Mit Verspätung

Chromatics – Blue Moon

Ok, eine Zigarette noch, das geht sich noch aus, bevor der Zug kommt. Abfahrt um 18:12 Uhr. Sie war eigentlich immer viel zu früh dran beim Verreisen. Das galt natürlich auch für das Zurückreisen von Reisen. Immer viel zu früh. Bloß nicht den Zug oder das Flugzeug verpassen. Als ob sie jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen wäre, einen Zug oder ein Flugzeug zu verpassen! Da lief sie schon eher gegen eine Wand, weil sie mal wieder den Kopf über das Smartphone gesenkt hatte und noch eine wichtige Nachricht an jemanden verschicken musste. An jemanden. Das waren im Grunde nicht sehr viele. Sie kannte zwar einige, aber am Ende war sie doch häufig allein, manchmal gern allein. So allein stand sie auch jetzt auf dem Bahnsteig, kurz bevor der Zug einfahren sollte – die Zigarette in der rechten, die kleine, voll gestopfte schwarze Tasche in der linken Hand.

18:11 Uhr und keine Spur von einem einfahrenden Zug. Was sagt die Anzeige? Die Anzeige sagte nichts Außergewöhnliches. Tatsächlich sagte die Anzeige nicht nur nichts Außergewöhnliches, die Anzeige sagte gar nichts. Das lag zum einen daran, dass die Anzeige überhaupt nicht sprechen konnte, weil sie nur eine Anzeige war, aufgehängt auf einem windigen, winterlichen Bahnsteig. Zum anderen lag das daran, dass die Informationspolitik im Hinblick auf verspätete Zugabfahrtszeiten wieder einmal zu versagen schien. Inzwischen müsste der doch längst da sein, dachte sie. Und Recht hatte sie.

Eine Durchsage? Am Bahnsteig knackte und krachte es kurz aus den Lautsprechern, ein Hinweis: Es folgte eine Durchsage. Die konnte im Gegensatz zur sprachlosen Anzeige nun tatsächlich etwas sagen. Der Zug hatte also zehn Minuten Verspätung. Na gut, dachte sie. Sie war zwar relativ müde, aber na gut, zehn Minuten sagten sie. Das hieß, der Zug würde dann in etwa 20 Minuten da sein. Na gut.

Dass es im Winter immer so früh dunkel wurde, störte sie eigentlich nicht. Sie mochte dunkel. Das Problem daran waren vielmehr die Temperaturen. Das Problem am winterlichen Bahnsteigwarten waren die zu niedrigen Temperaturen. Es war schlichtweg kalt. Sie mochte kalt nicht. Sie zupfte an den Ärmeln ihrer Winterjacke – viel zu dünn, wie die Mama immer sagte. Kein Wunder, dass du immer frierst. Ja Mama, ist schon gut, dachte sie, als sie da allein am Bahnsteig stand.

Das Wochenende war eigentlich sehr schön gewesen. Sie hatte das Wochenende mit Menschen verbracht, die zu jenen zählten, denen sie regelmäßig noch eine wichtige Nachricht schicken musste. So eine Gegen-die-Wand-lauf-Nachricht. Das Wochenende war aber eigentlich auch nicht so schön gewesen. Denn mit ihren Erwartungen war sie natürlich wieder gegen eine Wand gelaufen, gegen die sprichwörtliche diesmal. Warum nur musste sie immer diese Erwartungen mit ins Gepäck nehmen? Warum nicht einfach mal nur so? Mal nur so da hinfahren, ohne alles.

Ich werde dir sagen, warum du immer so unglücklich bist. Weil du zu viel erwartest an den falschen Stellen und gleichzeitig erwartest du zu wenig an den richtigen. Das hatte ihr jemand schon häufiger gesagt, auch an diesem Wochenende hatte ihr jemand das gesagt. Sie hielt sehr viel davon, was jemand ihr sagte. Sie hatte es sehr ernst genommen, sie hatte versucht, sich selbst davon zu überzeugen. In diesem Fall. In den meisten anderen Fällen war ihr das scheißegal. 18:22 Uhr. Der Zug fuhr natürlich noch immer nicht ein. Noch zehn Minuten, dachte sie.

In ihrem Magen bildeten sich langsam kleine Knoten. Sie konnte es richtig spüren, während sie da so allein am Bahnsteig stand. Wäre da ein Fenster gewesen zum Reinschauen in ihren Magen, sie hätte vielleicht sogar ein Foto davon gemacht. Sie hätte ein Foto machen können von den kleinen Knoten, die sich in ihrem Magen bildeten, weil das Wochenende eigentlich ganz schön aber auch unter den Erwartungen geblieben war. Im Anschluss daran hätte sie das Foto dann bei Instagram hochladen können. Dazu wäre ihr bestimmt eine schöne Zeile eingefallen: “all my little knots” oder “some knots are bigger than others”. So etwas in der Art halt. Irgendjemand hätte das schon geliked. Langsam wurde ihr richtig schlecht. Vielleicht hatte auch das Warten damit zu tun, nicht nur die unangenehme End-Wochenende-Reflexion.

Hauptsache niemand merkt etwas, dachte sie. Hauptsache niemand hatte etwas davon bemerkt, wie unfassbar enttäuscht sie ihre kleine schwarze Tasche vor der Abreise wieder voll gestopft hatte. Bloß nichts vergessen, hatte sie dabei gedacht. Als ob sie jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen wäre, etwas zu vergessen! Da vergaß sie sich schon eher selbst, weil diese Informationspolitik im Hinblick auf verspätete Züge wieder einmal nicht zu funktionieren schien.

18:32 Uhr. Die Anzeigentafel war inzwischen nur noch schwarz. Das Licht auf dem Bahnsteig war spärlich, das war der einzige Trost. Die Dunkelheit machte ihr das Warten erträglicher. Wären da bloß nicht diese Knoten gewesen, die sich mit rasender Geschwindigkeit in ihrem Magen ausbreiteten. Hoffentlich hat wirklich niemand etwas bemerkt, dachte sie und versuchte sich daran zu erinnern, was jemand ihr gesagt hatte. Jemand hatte gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen, es hätte schon niemand etwas bemerkt.

18:41 Uhr. Es knackte und krachte in den Lautsprechern. Eine Durchsage: Zug fährt ein. Sie dachte an niemand und sie dachte an jemand. Sie mochte sie beide. Sie ließ beide hier zurück, im Wissen, dass sie bald wieder kommen würde. Dann würde sie wieder auf einem Bahnsteig stehen und auf den Zug warten mit ihren Erwartungen, die dann noch nicht enttäuscht worden waren.

You knew just what I was there for

Zum Abschied ein Tusch

Songs: Ohia – Tigress

Im Auto war alles ganz normal gewesen. Der Papa, die Mama vorne, sie hinten. Sie hatten über ihre Arbeit geredet und über Reisen, vergangene sowie kommende, über Politik und dann noch über das Wetter, mit dem es schon immer ärger wurde, das musste man sagen: Mit dem Wetter wurde es eigentlich kontinuierlich immer ärger. Kurz hatten sie noch anhalten müssen wegen der Blumen. Für jeden eine. Die Mama war ausgestiegen und hatte die Blumen aus dem Laden abgeholt, weil sie nämlich vorbestellt waren. Früher hatte der Papa immer alles und alle abgeholt – sie vom Kindergarten, den Onkel von der Arbeit und die Pizza von der Pizzeria. Davon gab es aber mittlerweile gar nichts mehr – den Kindergarten nicht, den Onkel nicht, die Pizzeria nicht. Schon eigentlich ganz lange gab es das alles nicht mehr. Wahrscheinlich holte der Papa immer noch regelmäßig Leute und Sachen irgendwo ab, aber da hatte sie jetzt nicht mehr so den Einblick.

“Grüß dich. Schlimm gell, immer sehen wir uns nur, wenn es so schlimm ist.” Sie schüttelte unentwegt irgendwelche Hände, viele der Händebesitzer hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen, jedenfalls nicht so, dass sie noch ein Gesicht oder einen Namen dazu im Kopf gehabt hätte. Es war jetzt nicht mehr alles ganz normal so wie im Auto. Die Mama brach neben ihr so nach und nach ziemlich weg, und die Mama brach echt nicht leicht weg. Sie hielt ihre Hand, ob das etwas half? Jedenfalls konnte es wohl auch nicht schaden. Das Wetter war sehr schön, heiß war es hier. In der Stadt war es in der letzten Zeit viel zu kalt gewesen für Juli, aber hier auf dem Land war es jetzt sehr sommerlich. Ein sehr schöner Tag ist das heute, dachte sie – einmal rein wettermäßig betrachtet.

“Sie bringen ihn jetzt gleich raus”, sagte irgendjemand, den sie nicht sehen konnte, dessen Stimme ihr aber vertraut war. “So, wir gehen da jetzt ganz vorne hin.” Die Mama war schon wieder ganz normal. Kurz halt, und abgesehen von den sehr roten Augen, was wahrscheinlich vom Weinen kam, eher weniger von der Sonne, obwohl die auch recht brannte gerade.

Die Menschen auf so einem Begräbnis sehen sehr schick aus, dachte sie. So gesamt gesehen, als eine einheitliche Masse, sehen die Menschen auf so einem Begräbnis wirklich schön aus. Das galt sogar für all diese Menschen, die im normalen Leben ja überhaupt keinen Geschmack hatten, was Kleidung betraf, oder noch schlimmer, einen total schlechten. Jedenfalls jetzt alle in Schwarz, alle mit gesenktem Kopf, die meisten mit blassen Gesichtern und hochroten Augen, viele mit Blumen in der Hand – das Gesamtbild machte etwas her, dachte sie sich, als sie der Mama ganz fest die Hand drückte, als würde das jetzt noch irgendetwas helfen. Nun, irgendetwas half es bestimmt. Der Trauerzug musste noch ein Stückchen weiter die Straße hinunter, der Sarg wurde ganz vorne von irgendwelchen Männern in irgendeiner Uniform angeschoben. Das konnte jetzt vieles sein: Feuerwehr, Jäger, Musikkapelle, Sparverein – sie wusste das nicht. Die Männer hatten aber auf jeden Fall einen starken Bezug zum Verstorbenen. Das kannte sie so schon von anderen Begräbnissen, die auch ähnlich waren und auch meistens hier. Oft sogar.

Mit der Zeit wird es nicht einfacher, es wird surrealer. Du klinkst dich aus, du siehst die Menschen, wie sie heulen, du hörst den Bürgermeister und den Dorfpfarrer irgendwelche Sätze sagen, dann drückst du der Mama die Hand, manchmal dem Papa, manchmal gar niemandem, und dann fällt dir nichts Besseres ein, als daran zu denken, dass das ein schöner Sommertag ist, oder die Leute alle so gut angezogen sind. Dass du selber auch die ganze Zeit die Tränen wegwischst, noch öfter aber hinunterschluckst, das fällt dir doch nach so vielen Malen gar nicht mehr auf. Tot. Das fühlt sich alles einfach irgendwie tot an. Na, das passt ja wunderbar!

Die Ansprachen dürften dann bald fertig sein, sagte man da Ansprachen dazu? Von solchen Dingen hatte sie wirklich überhaupt keine Ahnung. Es gab gewisse Codes und Regeln in der Gesellschaft, gewisse Gepflogenheiten und gewisse Abläufe, da war sie einfach voll nicht in der Materie drin. Sie drehte sich kurz um, ließ den Sarg und die Trauergäste, die da alle auf so einem kleinen Plätzchen am Straßenrand standen, kurz aus den Augen. Sie schaute weg. Der Mama drückte sie weiterhin ganz fest die Hand, aber kurz einmal schaute sie weg auf die andere Seite, die Straße hinunter. Das gibt es doch gar nicht! Da lag jetzt allen Ernstes eine tote Katze mitten auf der Bundesstraße –  und zwar frisch überfahren, das war deutlich zu erkennen, die war komplett frisch überfahren. Na, das passt ja wunderbar!

“Ich will zu dir.” Da sie kein Post-it zur Hand hatte, um das aufzuschreiben, musste sie es, neben all den anderen banalen Dingen in ihrem Kopf, jetzt auch noch denken. Es wäre überhaupt nicht toll gewesen, wenn er hier bei ihr gewesen wäre in dem Moment, klar. Aber es wäre schon sehr toll gewesen, sich da jetzt auf der Stelle rauszuwinden und bei ihm zu sein. Ach, sie hatten sich so lange Zeit nicht gesehen. So unfassbar lange Zeit, dass sie ihn sehr oft schon vergessen hatte, aber halt nie ganz. Nie, nie, nie. Das von damals, das würde sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen. Dabei wusste sie manchmal gar nicht mehr, ob das alles wirklich passiert war, oder ob sie es nur geträumt hatte. Wahrscheinlich war das aber so ein Moment damals, wie er bei Leuten, die gleich sterben, dann so als letzter Film nochmal schnell drüber flimmert. In der Kategorie war das wohl, aber gut, das würde sie erst später mal rausfinden, wenn es mit dem Sterben soweit war.

Boah. Sie zuckte zusammen. Auf den lauten Knall war sie mal wieder nicht vorbereitet. Das ist jetzt das wie vielte Mal, dass du hier stehst und der Mama oder dem Papa oder gar niemandem die Hand drückst? Exactly. Aber auf den Knall vergaß sie jedes Mal wieder. Da oben am Hügel wurden von irgendwelchen Männern, ähnlich jenen, die den Sarg schoben, von denen sie nicht genau wusste, wer sie waren und zu was sie gehörten, Böller abgefeuert. Zu Ehren des Verstorbenen. Das machte man hier so. Ob man das auch noch irgendwo anders auf der Welt so machte, wusste sie nicht, sie hatte sich da aber auch nie erkundigt darüber. Sämtliche Informationen, die sie dazu hatte, waren rein empirisch. Na, das nächste Mal dann halt, das nächste Mal schreckst du dich nicht mehr.

Der Trauerzug setzte sich wieder in Bewegung, das kleine Stück Straße zurück zum Friedhof, von wo aus es losgegangen war. Sie schlich neben der Mama her und drehte sich noch einmal nach der toten Katze um. Sie empfand nichts.

It’s difficult not to worry about what happens next